FELDFORSCHUNG: Kolumne zur Euro 2008
Strigel 1, Italien 0

Abseits oder nicht? Europa diskutierte bis spät in die Nacht nach dem umstrittenen Führungstreffer der Holländer. Italien berauscht sich an dem Glauben, verpfiffen worden zu sein - wieder mal.

Das Schöne am Fußball ist, dass er immer wieder Szenarien hervorbringt, die nun wirklich kein Mensch erahnen kann. Abseits!, war die erste, naive Reaktion nach dem 1:0 der Holländer gegen Italien. Kein Abseits!, belehrten bald die Schlaumeier. Europa diskutierte bis tief in die Nacht, und jedes Land tat das auf seine Weise.

Im italienischen Staatsfernsehen Rai hatte sich eine Expertenrunde zusammengefunden, sie lachten viel und einer wedelte unablässig mit einem Fax der Uefa. Dieses bezog sich auf einen Präzedenzfall aus der italienischen Liga, Florenz gegen wen auch immer, als ein Verteidiger hinter die Linie rannte und ein Tor deshalb wegen Abseits nicht gegeben wurde. Falsch, rügte damals die Uefa: Der Spieler habe sich nicht beim Schiedsrichter abgemeldet. Nur, und jetzt lächelte der Experte triumphierend, während er auf eine unterstrichene Stelle in dem Fax deutete: Der Fall sei anders zu bewerten, wenn der Spieler im Seitenaus liege. Weil er, so wurde in der Runde einstimmig geschlussfolgert, wie der Italiener Panucci vor dem 0:1 gegen Holland dorthin gestoßen worden sei.

Armes Italien, das sich nun an dem Glauben berauschte, bloß mal wieder verpfiffen worden zu sein. Armes Italien, weil es offenbar keinen Eugen Strigel hat. Der ist Schiedsrichter-Lehrwart des DFB, hat einen schwäbischen Akzent und erklärt seit Jahren im ZDF, was richtig ist und was nicht im Fußball. Am Montag legte er schon während des Spiels fest, was die Uefa anderntags bestätigte: Ob absichtlich oder unabsichtlich im Seitenaus spielt keine Rolle, ergo: kein Abseits!

"Erst durch die regelfesten Schiedsrichterbosse des DFB", schrieb gestern der "Sportinformationsdienst", sei das "Regel-Chaos" beseitigt worden. Die beruhigende Nebenwirkung daran: Selbst wenn Joachim Löws Nationalelf wider Erwarten bei diesem Turnier früh scheitert, ist Deutschland nicht verloren. Wir werden dann einfach wieder Schiedsrichter-Europameister, so wie 2004, als Markus Merk das Finale pfiff. Mit Herbert Fandel, der beim Spiel Portugal gegen Türkei "stets den richtigen Ton getroffen" hat ("Deutsche Presse-Agentur"), gibt es bereits einen Titelkandidaten. Dass er Portugal ein Tor wegen Abseits aberkannte, obwohl im Zweifelsfall immer für den Stürmer gepfiffen werden soll? Geschenkt. Über solche Kleinigkeiten sollen sich die Italiener aufregen. Gerne auch per Fax.

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