Feldforschung
Meide Bus und Bahn!

Bevor der erste EM-Ball rollte, startete die Universität Wien eine Umfrage, in der 15 000 Österreicher nach ihren Befürchtungen bezüglich der EM befragt wurden. 91 Prozent gaben als größte Angst „überfüllte öffentliche Verkehrsmittel“ an. Warum darin eine Chance für die Völkerverständigung liegt.

Bevor der erste EM-Ball rollte, startete die Universität Wien eine Umfrage, in der 15 000 Österreicher nach ihren Befürchtungen bezüglich der EM befragt wurden. 91 Prozent gaben als größte Angst "überfüllte öffentliche Verkehrsmittel" an. Niemand aber regte sich in Österreich über die russischen Fans auf. Dabei wäre dies doch zu erwarten gewesen, nachdem Renate Danler, Direktorin des Kitzbühler Tourismusverbandes, voriges Jahr mit der Forderung nach einer "Russen-Quote" in die Öffentlichkeit preschte.

Dabei machen die russischen Fans alles richtig. Sie verhelfen Boutiquen zu Rekordumsätzen und sie meiden die öffentlichen Verkehrsmittel, wie der detailgetreue Nachbau einer russischen Edeldisko im Innsbrucker Hafen illustriert: Zum Rai ("Himmel") gehören auch elf Luxuslimousinen im Wert von 30 Millionen Euro. Auf dass kein Österreicher behaupte, ein Russe habe ihm den Platz in der Straßenbahn weggenommen.

An dieser Weitsicht der Russen liegt es wohl, dass von den 75 Prozent der Befragten, die "Ausschreitungen durch Hooligans" als größte Angst angaben, niemand an die Fans der "Sbornaja" dachte. Nein, die Österreicher fürchten am meisten die Engländer. Nun aber, da die Kunde von der verpassten Qualifikation der englischen Elf auch das letzte Alpental erreicht haben dürfte, gilt es, neue Feindbilder zu finden, was traditionell die Aufgabe der rechtspopulistischen FPÖ ist.

Und so grantelt Parteichef Heinz-Christian Strache gegen die EM-Teilnahme der Türken: "Der Unsinn, dass nicht-europäische Mannschaften heute in europäischen Bewerben mitspielen, soll offenbar dazu dienen, dass sich die Bevölkerung irgendwann daran gewöhnt, dass nicht-europäische Länder plötzlich zu Europa gehören sollen."

Wie aber sieht Straches Europabegriff aus? Man ist versucht, auf FPÖ-Niveau zurück zu poltern: Lederhosen, Wiener Schnitzel und Blasmusik. Dass letztere in Österreich zu Zeiten Mozarts als "Türkische Musik" bezeichnet wurde, sollte die Türken zur Vorfreude auf ihre Gastgeber animieren. Und wenn sie von den Russen die Zurückhaltung im Gebrauch öffentlicher Verkehrsmittel übernehmen, wird diese EM zum Fest der Völkerverständigung.

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