Feldsalat
Der große Bluff

Oliver Bierhoff, der Meister des virtuosen Hokuspokus, hat sein Ziel erreicht: Auch der letzte Skeptiker glaubte, dass die Nationalmannschaft nur Europameister werden kann. Vielleicht sollte er die Strategie nach dem Spiel gegen die Weißrussen ändern.
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DÜSSELDORF. Es ist an der Zeit, Oliver Bierhoff einmal zu applaudieren. Der Manager des DFB, zuständig für alles Nebensächliche, hat vollbracht, diese Nebensächlichkeiten durch virtuosen Hokuspokus in Hauptsachen zu verwandeln. Bis weit in die Tage des Trainingscamps auf Mallorca hinein ist ihm dieses Kunststück gelungen. Er hat die Bekanntgabe des Kaders auf der Zugspitze in eine Verkündigung verwandelt und Kinder kommen lassen. Er hat sich Motivationssprüchlein von spiritueller Natur ausgedacht und so lange die Fußballmoderne und ihren High-Tech beschworen, bis auch beim letzten Skeptiker der Eindruck manifest wurde: Diese Nationalmannschaft kann nur Europameister werden.

Sein Meisterstück hat Oliver Bierhoff freilich in den letzten Tagen abgeliefert - und damit sein großes Ziel erreicht, soviel Nebel aufsteigen zu lassen bis keiner mehr sehen kann, was da eigentlich auf große EM-Fahrt geht. Eng angelehnt an die Interessen des Bundestrainers hat er die suggestiven Medien-Mächte in einer Casting-Show entfesselt. Und er hat den Zähnen Löws eine schwere Pulpitis angedichtet, die es jenem bei 39 eingetragenen Zahnärzten auf Mallorca dennoch unmöglich machten, Stellung zu beziehen zu der Frage, welche drei Spieler das Camp wohl verlassen müssen. Erst dieses Fernbleiben hat die im Kern doch recht wirkungsarme Antwort in den Stand einer bedeutsamen Entscheidung erhoben.

Als eine Folge dieser mythischen Aufwertung von Banalitäten tanzte gestern, als die Namen von Marko Marin, Jermaine Jones und Patrick Helmes verlesen wurden, das Pressegespräch mit Löw einen solch ernsten Reigen, dass der Eindruck entstand: Drei Stammkräfte sind nach Hause geschickt worden und nicht drei junge Spieler vom äußersten Rand der deutschen Ersatzbank.

Nun aber haben elf Weißrussen den Nebel um diese deutsche Elf ein wenig gelüftet, und freigelegt, was Bierhoff hinter potemkinschen Fassaden zu verbergen suchte: Dass der deutsche EM-Titelaspirant seit einer Weile schon mehr Mythos ist als Realität. Vielleicht sollte er die Strategie ab heute ein wenig ändern, denn die Geschichte hat es oft schon gezeigt: So mancher ist erst gestürzt, als er begann, an seinen eigenen Mythos zu glauben.

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