Fernsehduell Clinton-Obama
Warum eigentlich immer ich?

Die Körpersprache sagt mehr als die vielen tausend Worte. Im Fernsehduell klammert sich Hillary Clinton fast an den Tisch, schüttelt energisch den Kopf, lächelt nie. Dagegen kann sich Barack Obama bei der Debatte der Demokraten in Cleveland lächelnd zurücklehnen – denn die Angriffe der einstigen Favoritin auf den Herausforderer greifen nicht.

Ausgerechnet mit einer typischen Schüler-Beschwerde startet Hillary Clinton in die vielleicht entscheidende Debatte der Demokraten. "Darf ich hier mal klarstellen, dass ich immer als erste antworten muss?", quengelt sie. Überhaupt lasse die gesamte US-Presse ihren Konkurrenten ungeschoren während sie unter härtester Kritik stehe. Barack Obama braucht gar nichts zu sagen. Dieser Punkt geht an ihn.

Keiner kann behaupten, dass Clinton nicht gekämpft hat. Immer wieder unterbricht sie ihren Gegner und auch die Moderatoren. Sie kritisiert Obama für seine nicht allumfassenden Krankenversicherungspläne, für seine Wahlkampftaktik, für seine fehlende außenpolitische Erfahrung. Von Kuschelkurs keine Spur. Sie nennt ihn "Senator Obama" und nicht mehr "Barack", sie schüttelt den Kopf bei seinen länglichen Ausführungen, sie zieht die Augenbrauen weit hoch.

Exemplarisch war Clintons Vorwurf, Obama habe sich nicht deutlich genug von der Wahlempfehlung durch Louis Farrakhan, einen hochrangigen und recht radikalen Vertreter des Islams in den USA, abgesetzt. Was Obama bestritt - und in der Debatte zur Sicherheit auch noch mal wiederholte. Clinton erkennt eine Lücke in der Verteidigung, greift rasch an - und wird prompt zurückgeworfen. Er habe nie einen Zweifel daran gelassen, dass er mit Farrakhan nicht zusammen arbeite, sagt Obama. Aber wenn Clinton darauf besteht, kann er das Endorsement auch formal zurückweisen.

Ebenso wehrt Obama die meisten inhaltlichen Angriffe ab, in ein paar Fällen kann er sogar die Attacken umkehren. Zum Schluss gaben sich dann beide wieder sehr versöhnlich. Der angekündigte Knockout bleibt aus, alles in allem war das keine Debatte, mit der Clinton das derzeit so große Momentum von Obama brechen kann. Und schon in sechs Tagen wird in Texas, Ohio, Vermont und Rhode Island gewählt.

Inzwischen wechseln immer mehr Parteiprominente, die meistens auch Superdelegierte sind, auf die Seite des einstigen Herausforderers Obama. Gestern gab Senator Chris Dodd, selbst bis vor kurzem Präsidentschaftsanwärter der Demokraten, sein Endorsement für Obama - und forderte Clinton indirekt auf, die Waffen zu strecken: "Das ist der Moment, wenn die demokratische Partei sich hinter einem Kandidaten versammeln muss. Hinter einem Kandidaten, der die Erwartungen, Hoffnungen und den Ehrgeiz von Millionen Amerikanern ausdrückt."

Selbst Amerikas Hedge-Fonds, die sich professioneller als irgendjemand sonst in der Wirtschaft gegen Risiken absichern, sind im Januar zu Obama umgeschwenkt. Im vergangenen Jahr hatten sie mit 680 000 Dollar noch deutlich mehr für Clinton als für Obama (550 000 Dollar) gespendet. Doch im Januar drehte sich das Verhältnis: Gut 50 000 für Obama, knapp 28 000 für Clinton.

Georg Watzlawek
Georg Watzlawek
Handelsblatt Online / Ressortleiter Wirtschaft und Politik
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