Fernsehen wird nach einer Studie PC ablösen
Wettlauf um interaktives TV: Geschäft im Kabel kein Selbstläufer

dpa MÜNCHEN. Medien-Manager Werner Lauff kam ins Schwärmen: "Vor einem Jahr konnte man daran zweifeln. Jetzt sind sie da: Die Netze, die Inhalte, die Boxen", verkündete der Chef der Bertelsmann Broadband Group (BBG) am Dienstagabend auf den Münchner Medientagen. Mit den Netzen sind die Breitbandkabel gemeint, die die Deutsche Telekom an ausländische Investoren zu verkaufen begonnen hat, die diese für multimediale Dienste und interaktives Fernsehen aufrüsten wollen. Für interaktives TV braucht es dann noch die so genannten Set-Top-Boxen für das TV-Gerät, die mit einer für alle Anwender benutzbaren Plattform im nächsten Jahr dann auf den Markt kommen sollen. Und die Inhalte möchte Bertelsmann zusammen mit Partnern selbst anbieten.

Der Medienriese aus Gütersloh, viertgrößter Medienkonzern der Welt, hat im interaktiven Fernsehen im April dieses Jahr in 1 000 Haushalten in sieben Städten mit einem Testlauf begonnen. Die BBG bietet dabei in einer Mischung aus TV und Internet zum Beispiel Reise-, Koch- oder Erotiksendungen und viele andere Programme an, die der Kunde nach Bedarf anfordern kann. Dieses Angebot aus Unterhaltung verbunden mit E-Commerce (elektronischem Handel) erhalten die "Versuchskaninchen" derzeit noch über den PC, künftig soll es über das TV-Gerät kommen. Die Akzeptanz sei, vermeldete Lauff, enorm. Es zeige sich, dass die Menschen angesichts des hohen Nutzens auch bereit seien, für solche Dienste zusätzliches Geld zu bezahlen.



Bevölkerung langsam an Interaktivität heranführen

Der große TV-Rivale von Bertelsmann (RTL Group), die Kirch-Gruppe, sieht die Zukunft natürlich anders. Bei dem Münchner Konzern (ProSieben-Gruppe, SAT.1) hofft man, den bisher so verlustreichen Bezahlsender Premiere World mit multimedialen Diensten attraktiver zu machen. Im kommenden Frühjahr wird Premiere World seinen derzeit 1,7 Mill. Digital-Abonnenten E-Mail-Service, interaktive Spiele oder Wetter- und Sportinfos anbieten, sagte Ferdinand Kayser, Geschäftsführer von Premiere Medien in München. Mit diesen im Vergleich zum ehrgeizigen Bertelsmann-Projekt bescheidenen Ansatz sieht sich Kayser dennoch in der "Pole Position". Er glaubt, man müsse die breiten Bevölkerungsschichten über das Fernsehen langsam an die Interaktivität heranführen.

Dann gibt es in Deutschland noch den börsennotierten Mainzer Kabelbetreiber PrimaCom, der in Leipzig sein digitales Breitbandprojekt gestartet hat. Dort können einige tausend Haushalte auf Wunsch neben digitalen Programmen auch abrufbare Spielfilme (Pay-Per-View) und Internetzugang genießen. Hans Wolfert von der PrimaCom wertet es als Erfolg, dass 25 % der Haushalte ein solches Angebot nutzen wollen. Allerdings hat sich der Kabelbetreiber großen Ärger mit den Sendern eingehandelt. Weil PrimaCom einige analog empfangbare Programme nicht mehr anbieten will, ist Kirchs ProSieben SAT.1 Media AG vor Gericht gezogen.



Studie: Fernsehen wird PC ablösen

Doch ob BBG, Premiere World oder PrimaCom: Sie alle hoffen, dass eine Studie des Marktforschungsunternehmens Forrester Research in Erfüllung geht. Danach werden bis zum Jahr 2005 mehr Menschen interaktive Angebote im Fernsehen nutzen als im PC. Doch im Wettlauf um das große Geld im Breitbandkabel sind jetzt erst einmal die Kabelbetreiber am Zug. Bisher sind nur die Kabelnetze in Nordrhein- Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg verkauft: Bei über der Hälfte des deutschen Kabelnetzes steht weiterhin nicht fest, wer die unternehmerische Führung übernimmt. Immerhin will die amerikanische Gruppe Callahan in NRW bis Ende des Jahres 2001 1,6 Mill. Haushalte umrüsten.

Dennoch warnte Klaus Schrape, bei der Baseler Prognos AG für Medien zuständig, angesichts des erheblichen Kapitalbedarfs für Kauf und Aufrüstung der Kabelnetze vor zu viel Optimismus. Die Erfolgsaussichten für Anbieter im Breitbandkabel seien im Multimedia-Zeitalter alles andere als ein Selbstläufer, sagte Schrape in München. "Die gewachsenen Netzstrukturen sind ebenso heterogen wie die Interessen der Marktakteure", stellte Schrape nüchtern fest.

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