Fertighausfabrik gilt als hochriskante Geldanlage
Einstürzende Neubauten

Mit dem Traum vom eigenen Heim wirbt die Firma Europahaus um Kleinanleger. Mehr als 100 Millionen Mark sollen private Investoren in den Bau einer neuartigen Fertighausfabrik stecken. Verbraucherschützer warnen und sprechen von einem hochriskanten Angebot.

HB BERLIN. Müssen wir uns damit abfinden, dass der Bau eines Hauses eingezwängt ist zwischen Unzulänglichkeiten, enormen Kosten, Ärger und Frust, Streitigkeiten und Spannungen mit Handwerkern?" Nein, lautet die Antwort in den Werbebroschüren der Firma Europahaus. Statt sich mit "Pfusch am Bau" zu plagen, gleitet der künftige Europahaus-Bauherr mit einer Schwebebahn durch eine runde Halle von 234 Metern Durchmesser, quartiert sich in einem nahen Gästehaus ein, während sein neues Heim binnen 72 Minuten entsteht, und verfolgt die Produktionsabschnitte per Laser-Navigation auf der Zimmerwand.

Voraussichtlich ab Herbst 2002, so steht es im Emissionsprospekt 2000 der Hertener Firma Europahaus Fertigungswerke GmbH & Co. Dorsten KG, werden unter dem runden Fabrikdach täglich 20 Massivhäuser "Stein auf Stein" von 300 Robotern und Maschinen gebaut. Per Bahn werden sie dann zum endgültigen Standort transportiert und dort in dreieinhalb Stunden aufgebaut; alles zum "konkurrenzlos günstigen Preis von nur ca. 750 Euro je Quadratmeter". Eine "Jahrtausendidee", urteilt Europahaus - und lädt ein, sich als atypisch stiller Gesellschafter an der "Erfolg versprechenden Kapitalanlage" zu beteiligen.

Der Wohnungsbau der Zukunft zu den Kosten der Vergangenheit? "Mit Sicherheit nicht", warnen Verbraucherschützer. Volker Pietsch, Finanzexperte der Berliner Verbraucherzentrale, sagt: "Das ist das perfideste Angebot, das uns in den letzten Jahren untergekommen ist. Gutgläubige Verbraucher, oft kinderreiche Familien, werden mit der Vision vom kostengünstigen Bauen geködert, obwohl das alles mit einer Baufinanzierung nicht im Entferntesten zu tun hat." Dem atypisch stillen Gesellschafter werde neben einer Beteiligung am Vermögen und damit an der Wertentwicklung des Unternehmens "lediglich die Option auf den späteren Kauf eines Europahauses eingeräumt", erklärt Pietsch.

Stille Beteiligungen - Anlagen ohne Kontrolle

Atypisch stille Beteiligungen machen hier zu Lande rund 90 Prozent aller fragwürdigen Angebote auf dem Grauen Kapitalmarkt aus. Weder staatliche Kontrolle noch ein Einlagensicherungssystem schützen Anleger vor einem Totalverlust. Beträge in Milliardenhöhe haben die Deutschen durch derartige Beteiligungen bereits verloren. Im Fall Europahaus spricht Verbraucherschützer Pietsch sogar von "einer neuen Dimension der Irreführung in Sachen Prospektwahrheit", mit der "im gesamten Bundesgebiet schon unzählige Anleger geködert wurden."

Die Firma Europahaus, das sind vor allem Axel Götte und Ingo Bongers, beide Anfang 60. Der geschäftsführende Gesellschafter Götte war früher Banker und rühmt sich "vielfältiger persönlicher Verbindungen im deutschen Bankwesen". Bongers, Leiter Konzeption und Entwicklung, war über 20 Jahre selbstständiger Bauunternehmer. Angriffe wie jene der Verbraucherschützer sind für ihn eine "gezielte Verleumdungskampagne, ausgelöst durch Schwierigkeiten mit Vertriebspartnern, die sich nun rächen".

Juliane Adolphi-Hoinkis ist der vermeintliche interne Streit egal. Sie hat sich an Europahaus beteiligt; und jetzt fürchtet sie schlicht um ihr Geld. Die Erzieherin, 24, ist Mutter von fünfzehn Monate alten Zwillingen, ihr Mann ist Koch und war gerade ein halbes Jahr arbeitslos. Sie haben immer davon geträumt, "irgendwann mal im eigenen Haus zu leben". Angesichts ihrer Einkommensverhältnisse aber schien das illusorisch, bis die junge Familie auf Europahaus aufmerksam wurde. Also ging die Berlinerin wie 25 andere Interessierte zu einem Informationsabend, ließ bei einer Cola Videobotschaften über sich ergehen und beteiligte sich schließlich an der Firma; und das mit 76 800 Mark, zahlbar in 240 Monatsraten à 320 Mark zuzüglich eines Agios in Höhe von fünf Prozent. Heute sagt die junge Frau: "Vor allem die Namen Siemens und IBM, mit denen Europahaus als Partner geworben hat, haben uns davon überzeugt, dass es sich um ein seriöses Angebot handelt."

Konzerne distanzieren sich

Gerade erst hat sie erfahren, dass Europahaus eine Unterlassungserklärung mit Vertragsstrafeversprechen unterzeichnet hat. Darin verpflichtet sich die Firma, künftig nicht mehr mit dem angeblichen Partner IBM zu werben. Auch Siemens distanziert sich: "Von einer Partnerschaft kann keinesfalls die Rede sein. Wir haben die Firma Europahaus schriftlich gebeten, nicht länger in dieser aggressiven Form mit unserem Namen zu werben. Rechtliche Schritte behalten wir uns vor, falls diese Art der Werbung weitergeht."

Es gibt indes auch Externe, die sich wohlwollend über Europahaus äußern, zumindest über technische Aspekte des Projekts. So schätzt das Fraunhofer-Institut in Dortmund das Vorhaben als "sehr ambitioniert und interessant" ein.

Von all diesen Irritationen weiß auch Marlies Schneeberg. Sie ist Bürgermeisterin der 2000-Einwohner-Gemeinde Berga in Sachsen-Anhalt. Dort, im Kreis Sangerhausen, liegt die Arbeitslosenquote über 20 Prozent, dort will Europahaus die Eigenheimfirma errichten. "Ich kenne die Vorwürfe. Doch solange nichts bewiesen ist, erhalten meine bisher so zuverlässigen Gesprächspartner von mir jede Unterstützung, die sie benötigen", sagt die Bürgermeisterin (CDU). Insgesamt 429 Millionen Mark will Europahaus in die Fabrik investieren, davon 312 Millionen Mark aus Fremd- und Fördermitteln. Die restlichen 117 Millionen Mark sollen die atypisch stillen Gesellschafter aufbringen. Nicht eine Mark kommt aus eigenen Mitteln.

"Sobald die Fördergelder genehmigt sind, geht es los", freut sich Bürgermeisterin Schneeberg, offenbar nicht wissend, wie das Magdeburger Wirtschaftsministerium den Stand der Dinge beurteilt: "Die Finanzierung ist im Moment noch nicht so, dass es für eine Förderung oder ein tragbares Konzept ausreichen würde", heißt es dort. "Derzeit liegt auch kein Antrag auf Fördergelder vor. Ein erster wurde vor Monaten zurückgezogen, weil die Gesamtfinanzierung offen war."

Einige Ungereimtheiten

Es wäre nicht das erste Mal, dass Europahaus den Baubeginn verschiebt. Bereits 1998 ließ Geschäftsführer Götte auf der Berliner Fachmesse Bautec Luftschlösser errichten: Der Bau der Fabrik sollte noch im selben Jahr in Premnitz/Brandenburg beginnen. Später lagen mal das interkommunale Gewerbegebiet Dorsten/Marl oder ein Standort in Sachsen gut im Rennen.

Das alles aber sind nicht die einzigen Ungereimtheiten. Wer etwa Emissionsprospekt 2000 und Jahresabschluss vergleicht, stößt bei der Gewinn- und Verlustrechnung für 1999 auf erhebliche Unterschiede. So ist der Verlust im Prospekt mit 645 888,57 Mark angegeben. Der Grünwalder Wirtschaftsprüfer Franz-Stephan von Gronau aber kommt auf ein Minus von 803 801,09 Mark. Europahaus-Manager Bongers erklärt die Differenz so: "Der Wirtschaftsprüfer hat von uns nachträglich die Bildung einer Rückstellung verlangt, und zwar für nicht ausgezahlte Geschäftsführergehälter. Daran erkennen Sie, wie wir hier jeden Pfennig zweimal umdrehen."

Der Grünwalder Prüfer hat sein Testat mit einer Einschränkung versehen - eine bemerkenswerte, weil äußerst seltene Rüge. "Die Werthaltigkeit des mit 25 134 751,60 Mark in der Bilanz ausgewiesenen Anlagevermögens sowie der mit 351 500 Mark in der Bilanz ausgewiesenen Aufwendungen für die Ingangsetzung (...) konnte nicht nachgewiesen werden", heißt es in dem Vermerk. "Die nicht beurteilten Bilanzpositionen umfassen 97,6 Prozent der Bilanzsumme." Und weiter: "Der Fortbestand der Gesellschaft ist insbesondere bei technischer Nichtrealisierung der geplanten Produktion sowie bei Ausbleiben der eingeplanten Finanzierungsmittel bedroht."

Konfrontiert mit den Vorwürfen, sagt Europahaus-Manager Bongers: "Wir stehen ganz kurz vor einer entscheidenden Finanzierungsrunde. Wenn wir jetzt schlechte Presse bekommen, dann sind womöglich acht Jahre Arbeit dahin."

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