Fiat zieht sich zurück
Ein Nationalsymbol wankt

Bevor Fiat-Übervater Gianni Agnelli sich in dieser Woche zu einer Operation in die USA zurückzog, hatte er seinen Mannen noch eine Parole zugerufen: "Ihr müsst anfangen, nicht nur sonntags zu gewinnen." Wie nötig der Fiat-Konzern diesen Ratschlag hat, machte gestern die Hauptversammlung deutlich: Fiat steckt tief in der Krise.

 

mab TURIN. Einer fehlt. Erstmals seit 1943 sitzt Gianni Agnelli, der Enkel des legendären Unternehmensgründers Giovanni, nicht bei seinen Top-Managern auf der Hauptversammlungsbühne. Das habe, so heißt es, zwar ausschließlich mit der Gesundheit des 81-Jährigen zu tun. Symbolträchtig ist die Abwesenheit des Alten aber doch. "Das Schiff fährt in schweren Wassern und der Kapitän ist bereits von Bord gegangen", merkt ein Kleinaktionär spitz an.

In der Tat: In einem so schwachen Zustand hat sich der größte italienische Industriekonzern, der mit 30 Prozent von der Familie Agnelli kontrolliert wird, seit Jahren nicht mehr präsentiert. Die Zahlen des ersten Quartals 2002 übertreffen die schlimmsten Befürchtungen. Zwar befindet sich der Netto-Verlust auf Konzernebene (529 Mill. Euro) noch im Bereich der Analystenschätzungen. Die operativ tiefroten 429 Mill. Euro des Autobereichs setzen das Management um den Präsidenten Paolo Fresco und Vorstandschef Paolo Cantarella aber ernsthaft unter Druck. Trotz der im Dezember eingeleiteten Notmaßnahmen und einem kompletten Austausch der Führungsspitze hat sich die Lage der Sparte Auto, die 43 Prozent zum Konzernumsatz beiträgt, massiv verschlechtert.

Neben der katastrophalen Ertragslage sind auch die um elf Prozent gesunkenen Umsätze Anlass für größte Befürchtungen. Sicherlich: Die Verkaufszahlen sind in ganz Europa schwach, vor allem im für Fiat so wichtigen Heimatmarkt Italien. Doch Konkurrenten wie Volkswagen und Peugeot meistern die Flaute besser als Fiat.

Damit ist spätestens heute klar, dass ein Verkauf des Bereichs an General Motors (GM) in greifbare Nähe rückt. Von 2004 bis 2009 haben die Amerikaner ein Vorkaufsrecht. Im heutigen Zustand dürfte GM zwar kaum zugreifen wollen, ohne zwangsläufig in Konflikt mit den eigenen Aktionären zu geraten. Die vor zwei Jahren erworbenen 20 Prozent der Fiat Auto SpA haben bereits rund die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Doch haben die Agnellis für denselben Zeitraum ein Verkaufsrecht, dessen Ausübung von Tag zu Tag schmackhafter zu werden scheint.

Als erster Schritt für den langsamen Ausstieg aus der Autoherstellung wird in Finanzkreisen der Plan bewertet, die Sportwagentochter Ferrari Ende des Jahres an die Börse zu bringen. Unternehmensnahen Kreisen zufolge sollen 30 bis 40 Prozent der Perle im Fiat-Imperium platziert werden. Man hofft auf ein Inkasso von rund 1 Mrd. Euro. Das dürfte zwar zu hoch gegriffen sein, angesichts von Bewertungen für Ferrari, die zwischen 1 und 2 Mrd. Euro schwanken. Dennoch macht der Schritt deutlich, dass Fresco und Cantarella zu außergewöhnlichen Maßnahmen bereit sind, um die überhöhte Schuldenlast von 6,6 Mrd. Euro zu reduzieren. Auch gestern versprachen sie abermals, die Verbindlichkeiten Ende des Jahres auf 3 Mrd. Euro zu drücken. Das wird aber nur dann möglich sein, wenn die angepeilten Unternehmensverkäufe im erhofften Wert von 2 Mrd. Euro in Schwung kommen. Die Anfang des Jahres durchgezogene Kapitalerhöhung von 1 Mrd. Euro ist bereits verfrühstückt: Die Schuldenlast ist seit Ende 2001 trotz aller Sparbemühungen um zehn Prozent gestiegen. Zweifel, dass die Führungsspitze das verlorene Vertrauen der Märkte zurückgewinnen kann, sind also durchaus angebracht. Die Aktie befindet sich bald auf einem 10-Jahres-Tief. Gemessen an der Marktkapitalisierung von nur noch 5,6 Mrd. Euro rangiert das größte Unternehmen des Landes nicht mehr unter den Top 15 an der Börse Mailand. Das Versprechen, 2002 zumindest operativ ein ausgeglichenes Ergebnis vorzulegen, steht auf tönernen Füßen.

Quelle: Handelsblatt

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