Fieber, Darm- und Mageninfektionen
Jan Ullrichs geheime Leiden

Die weißen Schneefelder auf den Gipfeln der Alpen glitzerten in der Vormittagssonne, als sich am Fuße der Rampe von Alpe d?Huez das Peloton zum Start der letzten Alpen-Etappe versammelte. Mittendrin im Trubel des Städtchens Bourg d?Oisans ein wieder fröhlicher Jan Ullrich. "Ich fühle mich wieder fit und nach Massagen und allen möglichen Erholungsmaßnahmen sogar pudelwohl", erzählte der Tour-Sieger von 1997 aufgeräumt und mochte gar nicht mehr daran denken, wie er in den vorangegangenen drei Tagen gelitten hatte.

GAP. Fast 40 Grad Fieber in einer Nacht, dazu über drei Tage Darm- und Mageninfektionen hatten ihn extrem geschwächt. "Ich hatte wahrscheinlich zehn Laktat in den Beinen, als ich oben in Alpe d?Huez ankam", meinte Ullrich über seine übersäuerten Oberschenkel und staunte, "wie sich ein Mensch doch quälen kann".

Dass der Kapitän überhaupt das Ziel des mythischen Bergplateaus erreicht hatte, löste allgemeine Freude im Team Bianchi aus. "Es gab einen sehr kritischen Moment", verriet Sportchef Rudy Pevenage. Viel hätte demnach offenbar nicht gefehlt, und Jan Ullrich wäre vom Rad gestiegen. Mit diesem lähmenden Handicap nur 1:24 Minuten gegen Lance Armstrong eingebüßt zu haben, empfand Pevenage als "sensationell", sein Partner Jacques Hanegraaf als "traumhaft". Schließlich hatte ein gesunder Ullrich vor zwei Jahren in Alpe d?Huez zwei Minuten auf den Amerikaner verloren.

Pevenage wusste, wie die Leiden und die Leistung einzuschätzen waren, hatte ihn doch Ullrich nachts um halb eins angerufen: "Rudy, ich habe Schüttelfrost." Ihm, Pevenage, sei bei dem mitternächtlichen Weckruf "vor Schreck das Herz in die Hose gerutscht". Ullrichs Krankheit, eine allergische Reaktion, von der keiner weiß worauf, wurde drei Tage lang streng geheim gehalten. Denn die Nacht zum Freitag hatten Ullrich und Armstrong in dem selben Hotel verbracht. Die Geheimniskrämerei wurde auch vor dem Anstieg zum Galibier beibehalten. Als ein schwächelnder Ullrich im Sog der Blauhemden Armstrongs dringend medizinische Versorgung brauchte, holte in einem Täuschungsmanöver Tobias Steinhauser die Medizin beim Tourarzt ab.

Das Fieber müsse noch aus den Knochen raus, sagte Ullrich. Daher lautete seine Maxime für die letzten Alpen-Anstiege: Keine weitere Zeit verlieren, gut, vor allem ohne Sturz, Gap erreichen. Jeder im Tross, auch Lance Armstrong, weiß aus Erfahrung, dass Jan Ullrich stärker wird, je länger die Tour rollt. Zwei Zeitfahren und vier Pyrenäen-Etappen stehen noch aus. Und der Deutsche hat erst 2:10 Minuten Rückstand zu Armstrong und geringere Abstände zu den direkten Konkurrenten für einen Podiumsplatz. "Ich halte Jan weiterhin für einen der gefährlichsten Rivalen im Rennen", sagte daher Armstrong, nachdem er das Gelbe Trikot angezogen hatte. "Es ist typisch für Jan: Er wird immer besser. Und die Tour ist noch lang. Das vergesse ich nicht. Jede Gelegenheit, ihm Zeit abzunehmen, muss man nutzen. Jede Distanz zu Ullrich ist wichtig. Jan ist immer noch eine Bedrohung. Das Rennen ist für ihn noch nicht vorbei."

Unterdessen hat das Team Telekom endgültig seinen neuen Chef nach dem Abschied von Ullrich gefunden. Als Alexander Winokurow nach seinem Solo als Zweiter schon lange im Ziel in Alpe d?Huez war, quälte sich Santiago Botero über den Zielstrich. 42:19 Minuten nach dem Kasachen kam der extra vom Kelme-Team losgeeiste Neuzugang an. "Winokurow ist Kapitän. Sonst ist nicht viel", hatte Telekom-Teamchef Walter Godefroot schon am Samstag in Morzine-Avoriaz nach der ersten Tour-Woche erklärt, nachdem Rolf Aldag überraschend auf Platz zwei angekommen war.

Der Beckumer hatte erstmals während der Tour für gute Laune im Telekom-Lager gesorgt. Botero dagegen landete schon in Morzine- Avoriaz zehn Minuten hinter Sieger Richard Virenque. "Das macht ihm selbst am meisten zu schaffen", so Aldag, hatte aber auch keine Erklärung für das Schwächeln Boteros.

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