Fifa-Präsident muss um seine Wiederwahl fürchten
Joseph Blatter: Ein Mann für alle Bälle

Bestechung, Vetternwirtschaft, Bilanzkosmetik - die Liste der Vorwürfe gegen Joseph Blatter ist schon lang. Jetzt hat auch noch die KPMG die Bilanz 2001 mit erheblichen Einschränkungen versehen. Der Fifa-Präsident muss um seine Wiederwahl fürchten - er kämpft mit allen Tricks.

ZÜRICH. Joseph S. Blatter, den kennt man doch. Kalt. Arrogant. Berechnend. Aber wo steckt er an diesem sonnigen Dienstag in Zürich? Der kleine Mann mit dem kugelrunden Gesicht und der spitzen Nase, der da vorn in einem dunkelblauen Zweireiher mit Goldknöpfen steht, kann es eigentlich nicht sein. Er lacht. Er scherzt. Ist charmant und auffallend gut gelaunt. Eine Angestellte begrüßt er gar mit inniger Umarmung und dreifachem Wangenkuss. Dann nimmt er Platz im Auditorium des Hauptquartiers des Internationalen Fußballverbandes Fifa auf dem Züricher Sonnenberg, neben ihm steht ein gelber Wimpel mit der Aufschrift "Fair Play", über ihm prangt der Slogan "For the Good of the Game".

Gut zwei Dutzend Journalisten sitzen nun vor ihm, um ihn nach Dingen zu fragen, die irgendwie nach einem Verhör klingen: "Stimmt es, dass es ungenehmigte Zahlungen über 100 000 Dollar an einen russischen Funktionär gegeben hat?" "Ist es richtig, dass Sie unerlaubt Akten vernichtet haben?" Je länger die Fragerunde dauert, umso schlechter funktionieren die freundlichen, aber aufgesetzt wirkenden Gesten des Joseph Sepp Blatter. Der 66-jährige Fifa-Präsident wirkt jetzt fahrig und nervös, raunt seine Gesprächspartner mitunter barsch an: "Haben Sie nicht zugehört. Dazu sage ich nichts."

Blatter sieht sich stets als Opfer

Da ist er endlich, der echte Blatter, der sich nicht packen lässt, der sich stets als Opfer sieht und nie als Täter; der seinen milliardenschweren Verband so leitet, dass sein Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, 43, zu einem harten Vergleich greift: "Die Fifa wird wie eine Diktatur geführt."

Überhaupt hat der Fifa-General seinem Chef Anfang Mai arg zugesetzt. Er hat ausgesprochen, was ein Großteil der Fußball-Welt schon länger vermutet hatte: Blatter arbeite mit Bestechungsgeldern, mit Bilanztricks und Vetternwirtschaft. Das alles steht in einem 21-seitigen Dossier, das Zen-Ruffinen über kriminelle Machenschaften bei der Fifa zusammengestellt hat und das den Stempel "strictly confidential" trägt, streng vertraulich.

Tatsächlich sagt der Bericht viel über das System aus, mit dem Blatter seit 1998 die Fifa regiert. Er skizziert die Umrisse eines machttrunkenen Präsidenten, der interne Kritiker kaltstellt und Ja-Sager um sich schart, weil deren Loyalität ihm als wichtige Geschäftsgrundlage dient. Zen-Ruffinen: "Leute, die Anweisungen des Präsidenten in Frage stellen, werden entfernt. So werde auch ich für den Fall entfernt, dass meine Enthüllungen keine Bedeutung haben."

Ordner mit Beweismaterial

Inzwischen liegt die Akte dem Züricher Staatsanwalt Hansruedi Müller vor, zusammen mit zwei Ordnern Beweismaterial. Der erfahrene Ermittler sitzt in einem Gebäude mit Blick auf das Großmünster und die bedeutenden Banken jenseits der Limmat. Mit Wirtschaftsdelikten kennt sich die Behörde im Finanzzentrum Zürich bestens aus. Eine Anzeige wegen "ungetreuer Geschäftsbesorgung", die elf Kollegen Blatters aus der 24-köpfigen Fifa-Exekutive, also der Weltregierung des Fußballs, gegen ihren Präsidenten eingereicht haben, gehört zur Routine. Staatsanwalt Müller sagt: "Ich rechne mit einem langwierigen Verfahren. Es wird wohl einige Monate dauern."

Das heißt: Bis zum 29. Mai, dem Tag, an dem Blatter in Seoul gegen Issa Hayatou, 55, aus Kamerun antritt, um sich erneut zum Fifa-Präsidenten wählen zu lassen, werden ihn die Behörden kaum von den Vorwürfen freisprechen - wenn sie es überhaupt je können.

Für Blatter ist das keine Frage: "Die Medien sind gezielt mit Falschmeldungen versorgt worden", schimpft er. "Das Ziel ist klar: Ich soll als Fifa-Präsident verhindert werden." Viel mehr sagte er am Dienstag nicht zu den Vorwürfen, kündigte aber ein schriftliches Statement an, "mit dem ich alle Anschuldigungen entkräften werde".

Bislang hat er jeden Skandal überstanden

Tatsächlich hat der Fußball-Beamte, der seit 27 Jahren für die Fifa arbeitet und früher als Generalsekretär vorzugsweise mit Loskugeln jonglierte, bislang noch jeden Skandal überstanden: Ob man ihm vorwarf, Fifa-Gelder des Entwicklungsprojekts "Goal" für eigene Wahlkampfzwecke missbraucht zu haben, oder ob man ihn bezichtigte, in der Nacht vor seiner ersten Wahl Bestechungsgelder unter den Hotelzimmertüren einiger Delegierter durchgeschoben zu haben - nie konnte ihm etwas zweifelsfrei nachgewiesen werden. Und so ist Blatter immer noch im Amt, um sich herum ein Netz einflussreicher Freunde.

Während sein Kontrahent Hayatou kürzlich bei einem Kongress des Europäischen Fußballverbandes Uefa seine Zuhörer mit abstrakten Begriffen wie "Transparenz" und "Demokratie" langweilte und von der "nötigen moralischen Erneuerung der Fifa" erzählte, sonnte sich Blatter im Glanz von Altstars wie Platini und Beckenbauer.

Blatter, der aus dem Walliser Dorf Visp stammt, wo er auch Fußball spielte, ist längst auf der ganzen Welt zu Hause. Dieser Tage fliegt er, wie er erzählt, ins Königreich Tonga, "das liegt entweder in der Südsee oder im Indischen Ozean", dann nach Korea; überall gilt es Kontakte zu pflegen. Der Ritter des malaysischen Sultanats Pahang beherrscht fünf Sprachen, und dort, wo er auftritt, wird rasch klar, dass er sein Präsidentenamt autokratisch ausübt, wenn er betont: "Wenn ich sage ,ich?, dann meine ich die Fifa."

Dass einer wie er, der nach eigener Meinung "eher zu viel arbeitet als zu wenig" und dafür von der Non-Profit-Organisation Fifa pro Monat 65 000 Dollar "Aufwandsentschädigung" erhält, nun in eine Ecke mit Kriminellen gestellt wird, das stimme ihn eher traurig, als dass es ihn enttäusche. "Seit einiger Zeit muss ich mich ständig verteidigen", sagt er, "dabei bin ich Stürmer, ich trage das Trikot mit der Nummer 9". Trotzig fügt er zum x-ten Mal hinzu: "Die Vorwürfe sind absurd."

Immer neue Details werden bekannt

Doch alle Unschuldsbeteuerungen helfen ihm diesmal womöglich wenig. Denn immer neue Details werden bekannt, die einzelne Vorwürfe seines Generalsekretärs zu belegen scheinen. Da ist zum einen die Kritik, Blatter verschleiere die wirtschaftliche Situation der Fifa. Und tatsächlich: Wer den Jahresabschluss des Verbandes für 2001 studiert, der den Delegierten am 28. Mai in Seoul vorgelegt werden soll, stößt auf starke Vorbehalte der Wirtschaftsprüfer, die das Testat nur mit Einschränkung erteilt haben.

So heißt es in einem Vermerk der KPMG: "Per 31. Dezember 2001 wurden für die Jahre 2000 und 2001 insgesamt 567 Millionen Franken an zukünftigen Erträgen vorgezogen, wovon 231 Millionen Franken auf das Jahr 2002 und 336 Millionen Franken auf die Periode 2003 bis 2006 entfallen". Oder anders ausgedrückt: Die Einkommenssituation wird verwirrend dargestellt, weil zu erwartende künftige Einnahmen als bereits realisierte Erträge verbucht werden. Ein Bilanzexperte bezeichnet dies "als völlig ungewöhnlichen Vorgang".

Fifa-Finanzchef Urs Linsi sieht indes keinerlei Probleme, weil die verbuchten Beträge über so genannte "Securitisations"-Geschäfte abgesichert seien, die Credit Suisse First Boston abwickelte. Was Linsi aber verschweigt: Nicht alle dieser erwarteten Einnahmen - die sich teilweise aus noch gar nicht abgeschlossenen Sponsorenverträgen ableiten - sind damit vollständig besichert. Die KPMG-Prüfer halten fest: "Geht die Fifa Verträge ein, die eine geringere Sponsorenzahlung einbringen als erwartet, so hat die Fifa den Minderbetrag (...) zu bezahlen." Das Ausfallrisiko beziffern die Prüfer auf mindestens 150 Millionen Franken. Kurzum: Das alles hilft verstehen, warum Fifa-Bilanzen selten den echten Stand wiedergeben.

Trotz allem: Blatter bleibt gelassen

Auch ein zweiter Kritikpunkt Zen-Ruffinens, der "keine Medienkontakte" mehr ohne Blatters Genehmigung haben darf, konkretisiert sich. Der Fifa-General hatte angemerkt, die Finanzabteilung werde für ein Millionenhonorar von der McKinsey-Sektion Zürich unterstützt, in der ausgerechnet Blatters Neffe Philippe als Partner tätig sei. Erst am Dienstag dementierte Fifa-CFO Linsi alle geschäftlichen Kontakte mit Philippe Blatter: "Ich bin der Projektleiter, Herr Blatters Neffe hat nie direkt für uns gearbeitet."

In einer Stellungnahme McKinseys gegenüber dem Handelsblatt hört sich das etwas anders an: "Philippe Blatter hat als Leiter des McKinsey European Sports Practice auch das Fifa-Projektteam als Experte unterstützt (. . .) und seine langjährige Erfahrung in spezifischen Fragen der Beratung eingebracht." Ein Fifa-Mitarbeiter räumt inzwischen ein: "McKinsey zu verpflichten war ziemlich ungeschickt."

Und doch bleibt der Mann für alle Bälle gelassen. Ob er bei all diesen Anschuldigungen noch an seine Wiederwahl glaube? Blatter: "Ich bin überzeugt, dass die Verbände die richtige Entscheidung treffen werden, und das wäre ein zweites Mandat für mich." Fußball-Kenner schätzen Blatters Chancen als gut ein, weil viele Verbände in Asien und Südamerika weiter hinter ihm stünden. "Außerdem", merkt ein Uefa-Mitarbeiter an, "fällt die Entscheidung erst in der Nacht vor der Wahl. Und wie das dann bei der Fifa läuft, das kennt man doch."

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