FIFA-Präsident will wieder antreten
Blatter unter Druck: Fünf Vize-Präsidenten fordern Rücktritt

Nach einem beispiellosen Marathon-Verhör steht FIFA-Präsident Joseph Blatter mehr denn je unter Druck. Er wird massiv des Amtsmissbrauchs beschuldigt.

dpa ZÜRICH. Nach einem beispiellosen Marathon-Verhör steht Joseph Blatter mehr denn je unter Druck. Der Präsident des Fußball- Weltverbandes (FIFA) wurde beim Krisengipfel der Exekutive in Zürich von seinem Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen derart konkret des Amtsmissbrauch bis hin zur Korruption beschuldigt, dass fünf der sieben Vize-Präsidenten den Rücktritt ihres Vorsitzenden forderten. Der 66-jährige Schweizer aber weigerte sich in der mehr als zehneinhalb Stunden dauernden Sondersitzung, seinen Platz zu räumen.

Stattdessen will er sich wie geplant am 29. Mai beim Kongress in Seoul gegen seinen Herausforderer Issa Hayatou zur Wiederwahl stellen. "Ich bin vom Kongress gewählt worden. Wenn jemand sagt, ich bin nicht mehr geeignet, muss das vom Kongress ausgehen", sagte Blatter und fügte an: "Die Demontage des FIFA-Präsidenten ist keine leichte Sache."

Der Schweizer räumte aber ein, dass er nicht alle Vorwürfe seines Generalsekretärs entkräften konnte. Zen-Ruffinen hatte Blatter konkret mit zwei Fällen von Korruption konfrontiert, die nach Ansicht des Juristen strafrechtlich relevant sein könnten.

Nach Recherchen der "Süddeutschen Zeitung" handelt es sich dabei in einem Fall um 25 000 Dollar Schmiergeld, die der afrikanische Schiedsrichter Lucien Bouchardeau erhielt, um gegen Blatters Kritiker Farah Addo (ehemaliger Verbandspräsident aus Somalia) auszusagen.

In einem zweiten Fall sollen dem russischen FIFA-Exekutivmitglied Wjatscheslaw Koloskow 100 000 Dollar überwiesen worden sein, die ihm nicht zustanden. "Es wurden zwei Personen gekauft, um Dienstleistungen zu erreichen", sagte Zen-Ruffinen. Die Antworten auf offene Fragen wolle er in der nächsten Woche nachliefern, erklärte Blatter, der ebenso wenig wie Zen-Ruffinen ins Detail ging.

Am Rande der Veranstaltung erhielten die deutschen Organisatoren der WM 2006 erwartungsgemäß die Zusage über einen Zuschuss von 250 Millionen Schweizer Franken (172,5 Millionen Euro).

Der triste Rahmen passte ins Bild: Unaufhörlich prasselte der Regen auf die Zürcher FIFA-Zentrale, unter dessen Dach tobte ein mächtiges Gewitter. Gleich zu Beginn sorgte Blatter für einen Eklat, als er - so die Darstellung von Sitzungsteilnehmern - einen Anwalt in mitbrachte mit dem Ziel, Zen-Ruffinen an der Aussage zu hindern. Der Versuch, den einstigen Zögling am Auspacken zu hindern, schlug allerdings fehl.

Die 24 Exekutivmitglieder verbannten stattdessen den juristischen Beistand ebenso aus dem Saal wie alle FIFA-Angestellten, einschließlich Blatters Beraterstab. Nur die Dolmetscher und ein Protokollführer durften bleiben. Über mehrere Stunden und detailliert trug anschließend Zen- Ruffinen seine auf einem 30 Seiten umfassenden Dossier festgehaltenen Vorwürfe gegen Blatter vor - zu jedem Punkt nahm Blatter Stellung.

Finanzielle Unregelmäßigkeiten, eigenmächtiges Amtsführung, Verstoß gegen Statuten und Wahlbetrug lauteten neben dem Korruptionsvorwurf die gravierendsten Verfehlungen, die der 43 Jahre alte Jurist und ehemalige FIFA-Schiedsrichter Zen-Ruffinen seinem Chef anlastete. "Es sind schwerwiegende Vorwürfe, die einer dringenden Untersuchung bedürfen", erklärte Zen-Ruffinen. Die Stimmung sei "explosiv" gewesen, berichtete Chung Mong-Joon, einer der Vize-Präsidenten, die Blatters Rücktritt forderten.

Der Südkoreaner wies zugleich empört Blatters Vorwurf zurück, vertrauliche Informationen über die wirtschaftliche Situation des Weltverbandes an die Öffentlichkeit weitergegeben zu haben. Dies hatte Blatter als Grund für die Suspendierung der Adhoc-Kommission zur Überprüfung der FIFA-Finanzen (IAC) angegeben. Für Chung hatte der FIFA-Chef spätestens damit den Bogen überspannt: "Ich teile mit anderen Exekutiv-Mitgliedern die Besorgnis erregende Meinung, dass die FIFA in der größten Glaubwürdigkeitskrise ihrer Geschichte steckt", sagte der Südkoreaner.

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