Filbinger-Rede
Die Demütigung des Günther Oettinger

Ende vergangener Woche hatte Günther Oettinger noch gefunden, an seiner Filbinger-Rede gebe es gar nichts zurückzunehmen - bis Angela Merkel erst ihn und dann den Rest des Landes wissen ließ, dass sie das entschieden anders sieht: Wie die Bundeskanzlerin den baden-württembergischen Ministerpräsidenten zum Niederknien zwang.

BERLIN / STUTTGART. Morgens um kurz nach neun wird sie fällig, die erste Entschuldigung dieses langen Tages voller Entschuldigungen. Günther Oettinger hat die Landwirtschaftsmesse in Stuttgart zu eröffnen, und dort warten schon die Journalisten. "Ich habe deutlich erklärt, dass die Wirkung der Rede mir leid tut", sagt er.

Gemeint ist seine mittlerweile zum Albtraum gewordene Traueransprache am Grab seines Amtsvorgängers Hans Filbinger, des "furchtbaren Juristen", der wegen seiner Beteiligung an NS-Todesurteilen 1978 zurücktreten musste. Filbinger sei ein Gegner des NS-Regimes gewesen, hatte Oettinger behauptet, zum Entsetzen aller NS-Opferverbände und vor allem Angela Merkels, der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden. Oettinger muss sich korrigieren: Kein NS-Gegner, jedenfalls nicht "im Sinne des Widerstands". Und für Liebhaber der Strafrechtsgeschichte fügt er hinzu: "Es ist juristisch korrekt zu behaupten, durch Filbingers Urteile sei niemand ums Leben bekommen."

Zur gleichen Zeit sitzt Georg Brunnhuber in Rom in der Sonne. Der Chef der baden-württembergischen CDU-Bundestagsabgeordneten hatte seinen Landesvorsitzenden gefeiert wie kein Zweiter für seine Filbinger-Rede: Jedes Wort sei goldrichtig gewesen, und jede Kritik daran total verfehlt. Brunnhuber sitzt auf der Piazza Navona und scherzt, wie erfrischend kühl es hier sei im Vergleich zu daheim. Es ist Papst-Geburtstag und Brunnhuber ist schon vor Ort; am Abend soll Oettinger kommen und beim Geburtstagskonzert des SWR-Symphonieorchesters für Benedikt XVI. den Gastgeber machen. Die Entschuldigung, sagt Brunnhuber zufrieden, sei "aus strategischen Gründen richtig" gewesen. Die Sache sei damit erledigt.

Wenn er sich da mal nicht irrt, der Schorsch Brunnhuber. Denn für Günther Oettinger oben im sommerlichen Deutschland fängt der Tag der totalen Demütigung gerade erst richtig an. An diesem Montag erfährt Günther Oettinger, was Angela Merkel auf dem Höhepunkt ihrer Macht mit einem leibhaftigen, gewählten deutschen Ministerpräsidenten alles anzustellen im Stande ist. Sie kann ihn zum Niederknien zwingen. Buchstäblich.

Ende vergangener Woche hatte Oettinger noch gefunden, an seiner Rede gebe es gar nichts zurückzunehmen. Dann ließ Merkel erst ihn und dann den Rest des Landes wissen, dass sie das entschieden anders sieht, woraufhin Oettinger ein Papier verschickte, wonach ihm alle "Missverständnisse" leid tun und er das NS-Regime nicht relativieren wollte. Das hatte ihm auch niemand vorgeworfen, wohl aber, dass er Filbinger als NS-Gegner stilisiert hatte - eine Behauptung, die er am Sonntag munter wiederholte. Nach der Rücktrittsforderung des Zentralrats der Juden und mehreren Telefongesprächen mit Merkel und CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla folgt ein hastiges Interview in der "Bild"-Zeitung: Er habe Filbinger nie zum Widerstandskämpfer erklären wollen.

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