Finanzen
Betriebsausflug in die Vielfalt des Risikos

Die Fehler der WestLB in London decken die Schwächen der Bank auf. Doch trotz vieler Kritik könnte Vorstandschef Jürgen Sengera an der Spitze bleiben.

Düsseldorf. Als ganz normale Bank werden wir hier wahrgenommen", schwärmt WestLB-Vorstandschef Jürgen Sengera, als er in London erstmals Topführungskräften das Zukunftskonzept für die Bank präsentiert. Um einen langen Tisch sitzen die Londoner Investmentbanker der WestLB, darunter die Starbankerin Robin Saunders. Die Glasfront öffnet den Blick auf Bankgiganten wie Citibank und Barclays. Vor dieser Kulisse wirbt Sengera für die neue Strategie der fünftgrößten deutschen Bank. Es ist der Herbst 2001, sein erster öffentlicher Auftritt seit Amtsantritt; viel ist die Rede von modernen Finanzprodukten und Perspektiven des Investmentbankings, wenig von Sparkassen und dem heimatlichen Nordrhein-Westfalen.

Mit dem Betriebsausflug setzt Sengera ein Zeichen gegen das Klischee von der politisch verstrickten Bank. Immer wieder war die WestLB unter ihrem Chef Friedel Neuber auf Grund ihrer politischen Verflechtungen in den Schlagzeilen aufgetaucht. Sengera wurde auch deshalb zum Vorstandschef befördert, weil er als unbelastet galt.

Doch die Träume des neuen Mannes verwandeln sich ein Jahr später in rote Zahlen. Fehlgeschlagene Engagements bei Enron und Worldcom, 430 Millionen Euro Wertberichtigung bei Krediten für den Fernsehverleiher Box Clever - unter dem Strich bleibt das schlechteste Ergebnis der Geschichte. Die Finanzaufsicht BaFin leitet eine Sonderprüfung ein. Die WestLB rechnet nach Informationen aus Bankenkreisen damit, das Ergebnis bis Mitte der Woche vorliegen zu haben.

Seit dem Bekanntwerden der Milliardenrisiken herrscht Alarmstimmung unter den Eignern, dem Land Nordrhein-Westfalen, den Sparkassen und Landschaftsverbänden im Rheinland und Westfalen. Aufsichtsratsmitglieder zeigen sich vor allem von der Pleite mit Box Clever schockiert und fragen: "Wie konnten die Risikokontrollsysteme dermaßen versagen?"

Eingeweihte zeigen sich weniger überrascht, sie verweisen auf die Zusammensetzung der Kontrollgremien: "Schauen Sie sich doch den zehnköpfigen Risikoausschuss der WestLB an, da sitzt nur ein operativer Banker drin. Viele Mitglieder dieses Gremiums verstehen nur wenig von dem Geschäft, das sie kontrollieren." Bei einer der letzten Sitzungen habe ein Mitglied des Risikoausschusses gefragt: "Was ist der Break-even?" In dem paritätisch besetzten Gremium sitzen Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter. Es sei dort "genügend Sachverstand" vertreten, heißt es bei der WestLB offiziell.

"Entweder die Überraschung der Verantwortlichen ist gespielt, oder die Risikokontrolle hat versagt", sagt ein Insider. Bis zur Vorlage des Berichts der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hat Sengera, 60, Schonfrist, in der Aufsichtsratssitzung vom 2. Juli wird dann voraussichtlich auch über sein berufliches Schicksal entschieden. Verantwortlich für einen eventuellen Kontrollverlust sieht er jedenfalls den Vorstand. "London ist schließlich nur eine Filiale", sagt er auf der Bilanzpressekonferenz.

Während der Sitzung des haushalts- und finanzpolitischen Landtagsausschusses punktet Sengera vergangene Woche. "Er hat uns umfassend informiert," sagt ein Parlamentarier. Sengera selbst zeigt sich von seiner lockeren Seite. "Sie sehen, ich bin nicht zerzaust", scherzt er nach der Sitzung.

Dass Sengera wandlungsfähig ist, hat er bewiesen. Obwohl der Investmentteil der Bank als sein Baby gilt, hat er deutliche Kürzungen mitbeschlossen. Ähnliches könnte mit dem Bereich Principal Finance (Spezialfinanzierungen) geschehen, den Sengera als Vorstand initiiert hat. Derzeit lässt er Robin Saunders? Geschäftsfeld durch die Citibank und Goldman Sachs bewerten.

Die Blondine aus dem amerikanischen Jacksonville kam der WestLB 1998 wie gerufen. Sie ist schnell, aggressiv, kreativ und keineswegs auf den Kopf gefallen. Saunders? größtes Plus ist ihre Art, mit Menschen umzugehen. Bis heute findet sich in der City kaum einer, der schlecht über sie redet. Saunders kann die Leute in persönlichen Gesprächen einnehmen. So gelangt die Bankerin auf die Yacht des monegassischen Prinzen Albert. Dort lernt sie den Selfmade-Milliardär Philip Green kennen, mit dem sie später den Kauf der Einzelhandels-Kette BHS durchzieht. So überzeugt sie Bernie Ecclestone davon, die geplante Milliardenanleihe für sein Formel-1-Geschäft von Morgan Stanley teilweise zur WestLB zu verlagern. Sengera räumt ihr nach den ersten Erfolgen bald Narrenfreiheit ein.

Genau da fangen die Probleme an. Plötzlich leitet das Mädchen aus der US-Provinz ein Team von 30 Mitarbeitern, unter ihnen Oxford- und Cambridge-Absolventen. Saunders fühlt sich unangreifbar. "Sie begann auf einmal, ihren eigenen Bullshit zu glauben", sagt ein Principal- Finance-Manager eines konkurrierenden Instituts. Ihre Gebote werden immer aggressiver. "Bei ihren Deals lag zwischen dem Zuschlaggebot der WestLB und dem unterlegenen immer eine beträchtliche Lücke, zum Teil fast 50 Prozent", sagt ein Londoner Kenner der Branche. So geht das weiter, bis der Fall Box Clever passiert.

Nun dämmert den Eigentümern der WestLB, dass dank Robin Saunders nicht nur die gewohnte Dividende für 2002 ausgefallen ist. "Wir fürchten, dass die Bankbeteiligung ein Fass ohne Boden werden könnte", sagt ein Eigentümervertreter. Zu schnell verflüchtige sich die erst Anfang 2003 beschlossene Kapitalerhöhung von 1,25 Milliarden Euro. Auch die Landschaftsverbände Rheinland und Westfalen- Lippe zogen mit, sie mussten je 147 Millionen Euro aufbringen.

Pikant daran ist auch ihre Hauptaufgabe: die Integration von Behinderten. "Dafür verwenden wir mehr als 80 Prozent unserer Haushaltsmittel von 2,2 Milliarden Euro", sagt ein Sprecher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe. "Nun fehlt Geld für die Ausübung der sozialen Pflichtaufgaben", kritisiert Karlheinz Nagels, Professor für Verwaltung an der Fachhochschule Bielefeld und Mitglied der Versammlung des Landschaftsverbands.

Zwar muss der Landschaftsverband als einer der größten Sozialhilfeträger Deutschlands gesetzlich definierte Leistungen auszahlen, beispielsweise für die Integration von Behinderten oder Alten und Kranken. "Doch die sozialen Standards für diese Menschen sinken. Meines Erachtens auch wegen der Finanzspritze für die WestLB", sagt Nagels. Er fordert deshalb den sofortigen Ausstieg des Kommunalverbandes aus der WestLB.

Der westfälisch-lippische Verband musste für die Kapitalerhöhung nach Handelsblattinformationen sogar einen Millionenkredit aufnehmen - wozu sich ein Sprecher des Landschaftsverbandes mit dem Verweis auf vereinbarte Vertraulichkeit nicht äußern wollte.

Nicht nur die Landschaftsverbände, auch die Sparkassen murren. "Statt auf die Weltbühne zu drängen, sollte sich die Bank mehr um unsere Interessen kümmern", sagt ein Sparkassenchef stellvertretend für eine Reihe seiner Kollegen.

In der Tat könnte der WestLB eine wichtige Rolle in der künftigen Sparkassenorganisation zukommen. Unbestritten hat sie sich durch ihre frühen Ausflüge auf das internationale Parkett Wissen im Investmentbanking oder bei Spezialfinanzierungen erworben. Davon könnte die Sparkassengruppe künftig profitieren. "Wenn die WestLB sich auf ihre Heimatregion zurückzieht, müssen die Sparkassen demnächst zur Deutschen Bank gehen", sagt der Vorstand einer Landesbank.

So könnte Sengera Chef bleiben, wenn der Prüfbericht nicht zu drastisch ausfällt. Die WestLB-Vorstände stünden jedenfalls entweder kurz vor der Pensionierung, seien belastet oder schlicht nicht geeignet, heißt es aus Aufsichtsratskreisen. "Wir haben eigentlich keine Alternative."

Mitarbeit: Felix Schönauer, London

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