Finanzen
Die Dompteure des Exportkillers

Der steigende Euro hat viele Unternehmen böse überrascht. Das Risiko lässt sich begrenzen - eine höchst reale Reise ins Dickicht der Finanzmärkte.

Leverkusen/Düsseldorf. Christian Held, 41, hat die Dinge gerne unter Kontrolle. Auf seinem Schreibtisch steht ein Reuters-Monitor, auf dem die neuesten Daten, Kurse und Nachrichten aus aller Welt einlaufen - in 19 Kästchen: "So viele hat hier sonst niemand." Die Einzelinformationen scheinen in einem Gewirr aus Zahlen, Kurslinien und Buchstaben zu verschwimmen. Da er weltweit für Devisengeschäfte zuständig sei, müsse er auch die Devisenbestimmungen von Thailand oder Taiwan im Kopf haben, erzählt er. "Ich gehöre zu den Leute, die Detailwissen lieben." Im Handelsraum lässt Held jedes Telefongespräch mitschneiden. "Das hat uns schon häufig geholfen, Missverständnisse zu vermeiden", sagt er in einem monotonen, emotionslosen Tonfall.

Für Vorsicht habe er "eine gewisse Sympathie". In gewisser Weise ist Vorsicht sogar sein Job. Christian Held leitet das Corporate Treasury der Bayer AG, er sorgt dafür, dass der Leverkusener Chemiekonzern flüssig ist, und er muss den Konzern auch vor etwas schützen, was viele Konkurrenten zuletzt viel Geld kostete: dem starken Euro.

Fast 1,20 Dollar für einen Euro, innerhalb von zwölf Monaten etwa 20 Prozent Kursplus, das hatten nur wenige Firmen einkalkuliert. Viele bekamen Probleme, vor allem diejenigen, die vom Export abhängig sind. Ihre Produkte wurden in Dollarländern teurer, das kostete Umsatz. Und das Geld für schon abgeschlossene Geschäfte war beim Umtausch in Euro plötzlich weniger wert. Man kann sich dagegen schützen, sich etwa durch Termingeschäfte oder Optionen den Umtausch zu einem festen Kurs sichern. Aber vielen war die Sicherung zu teuer, das Risiko erschien ihnen kalkulierbar. In den Jahren des eher schwachen Euros hatte sich die Zurückhaltung schließlich gelohnt.

Auch Bayer verkauft seine Produkte weltweit, ist damit abhängig vom Wechselkurs. Ein Prozent Euro-Anstieg bedeuteten 15 Millionen Euro Ergebnisausfall. Theoretisch. Wenn da nicht die Vorsicht wäre - und Christian Held.

Der sitzt in seinem Büro und erklärt anhand von Diagrammen und Tabellen, wie er jedes weltweit abgeschlossene Bayer-Geschäft in seine Bücher aufnimmt und wie er Forderungen und Verpflichtungen auf 48 Fremdwährungskonten gegeneinander aufrechnet. Das, was unter dem Strich steht, ist das Risiko: Forderungen und Rechnungen in Dollar, Real, oder Yen, die jeden Tag schrumpfen können oder wachsen. "Wir sichern diese Beträge zu 100 Prozent ab", sagt Held, "mindestens einmal monatlich und zusätzlich bei starken Veränderungen". Auch bis zu 50 Prozent der Planumsätze für das kommende Jahr schützt er durch Termingeschäfte und Optionen.

"Oh ja", gönnt sich Held ein wenig Emotion, "wir haben gut gelegen mit unseren Voraussagen." Aber er "muss jeden Tag neu entscheiden, ob wir etwas unternehmen". Deshalb sitzt ihm an diesem Freitagnachmittag Sven Jürgensen, 31, gegenüber, Kundenbetreuer bei HSBC Trinkaus & Burkhardt, konservativ in dunklen Anzug, weißes Hemd und gedeckte Krawatte gekleidet und damit eine Spur eleganter als sein Klient.

Die beiden besprechen, wie es weitergehen könnte mit dem Euro und wie Bayer sich in nächster Zeit absichern sollte. Sie reden über Termingeschäfte, über komplizierte Produkte wie Bandbreitenoptionen und "Kick-in-Barrieren", und später in seinem 5er-BMW wird Banker Jürgensen loben, bei Konzernen wie Bayer habe er es anders als bei manchem Mittelständler mit absoluten Profis zu tun. "Da sprechen Sie auf einer Ebene."

Held wird die Vorschläge des HSBC-Manns anschließend mit denen anderer Banken vergleichen, er wird Daten über Investitionsströme auswerten, sich überlegen, welche Art der Kurssicherung die günstigste ist. Dann wird er seine Meinung in der monatlichen Sitzung des Risikoausschusses mit dem Leiter der Finanzabteilung und anderen Managern besprechen, er wird die Beschlüsse weitergeben in den Handelsraum gleich neben seinem Büro, und die Devisen- und Zinsexperten dort werden Jürgensen den Auftrag erteilen - per Telefon, ohne Unterschrift, bei Geschäften, bei denen regelmäßig 20 Millionen Euro und mehr von Konto zu Konto geschoben werden.

Verschwunden ist das Wechselkursrisiko mit dem Auftrag an die Bank nicht. Bayer ist es los. Aber jetzt ist es bei Jürgensen angekommen, in Box 746 des Handelsraums von HSBC Trinkaus & Burkhardt in Düsseldorf. Um die Gefahr loszuwerden, werden Jürgensens Kollegen die Option in Einzelbestandteile zerlegen. Sie werden diese Einzelbestandteile weiterverkaufen an andere Banken, an Fonds, an Spekulanten. Und damit reichen sie auch das Risiko plötzlicher Kursausschläge weiter, hinein in das Geflecht des globalen Devisenhandels und immer weiter weg von Bayer, immer zum Nächsten, der glaubt, ein wenig schlauer zu sein als sein Gegenüber am anderen Ende der Datenleitung.

Zurück aus Leverkusen, sitzt Sven Jürgensen im Handelsraum. Etwa 200 Aktien-, Anleihen-, Geld- und Devisenexperten arbeiten hier dicht an dicht an langen Schreibtischreihen, vor sich vier bis fünf Computermonitore. Für Persönliches ist wenig Platz: mal ein kleiner Schalke-Aufkleber unten am Schubladenschrank, mal ein Stoffbulle neben einem Bildschirm. In Christian Helds Büro bei Bayer passten locker sechs dieser Arbeitsplätze.

Der Euro steht gerade knapp unter 1,18 Dollar. Sven Jürgensen rechnet eine Strategie durch, die er Held anbieten wird. Kurzfristig erwartet er eine Kurskorrektur. "Der Euro dürfte fallen, aber nicht allzu tief: Im Markt warten zu viele darauf, bei einem Kurs von 1,15 Dollar ihre Exporte billiger abzusichern." Wenn es aber wieder hoch gehe, könne der Euro schnell 1,22, 1,23 oder 1,24 Dollar erreichen.

Also schlägt Jürgensen ein Spezialprodukt vor: Bayer soll sich das Recht sichern, in einem Jahr Euro für 1,21 Dollar zu kaufen. "Das ist wie bei einer Autoversicherung", erklärt Jürgensen. "Die ersten drei Cent Kursanstieg sind die Selbstbeteiligung." Stiege der Euro über 1,21 Dollar, wäre der Konzern geschützt - und würde sogar verdienen, da die Option mit steigendem Euro-Kurs an Wert gewänne. Jürgensen trägt die Eckdaten in ein Spezialprogramm auf seinem Rechner ein: die Laufzeit, die Zinsdifferenz zwischen USA und Euro-Land, den Hebel, mit dem die Option auf Veränderungen des Euro- Kurses reagieren soll - alles Faktoren, die den Preis der Option bestimmen.

2,54 Prozent des Optionsvolumens, klein und in Lila steht der Prämiensatz auf dem Monitor. Bayer will 20 Millionen Euro absichern, müsste also 508 000 Euro Prämie zahlen. Tatsächlich aber zahlt Bayer gar nichts. Der Chemiekonzern verkauft HSBC eine Option zum selben Preis - und übernimmt selbst ein Risiko. Er verpflichtet sich, der Bank in einem Jahr Euro für 1,13 Dollar abzukaufen. Die Kombination ist so konstruiert, dass Bayer letztlich zu einem Kurs zwischen 1,13 Dollar und 1,21 Dollar tauschen wird. Sinkt der Euro tiefer, hat Bayer Pech. Ein Teil des Gewinns, den Exporteure bei sinkendem Euro haben, geht ihm verloren. HSBC profitiert. Christian Held aber geht dieses Risiko ein. Er rechnet nicht damit, dass der Euro langfristig sinken wird.

Sobald Bayer die Option ordert, geht Banker Jürgensen ein paar Schritte nach rechts zu einem Kollegen. Er muss das Risiko jetzt schnell loswerden. Die Männer, die es übernehmen, sitzen in Hörweite um ihn herum. Es sind drei, je einer für die drei Risiken, in die die Option gesplittet wird: den Wechselkurs, den Zins und die Volatilität, also die vom Markt erwartete Schwankungsbreite des Euro-Kurses. Hier geht es nicht mehr um realwirtschaftliche Produkte. Hier geht es um Erwartungen, um Wetten, ob etwa die Zinsdifferenz zwischen den USA und Europa steigt oder fällt.

Alles kann steigen oder sinken, und alles für die Bank schnell einen Verlust bedeuten. HSBC ist schließlich verpflichtet, an einem bestimmten Datum zu einem bestimmten Preis 20 Millionen Euro zu verkaufen. Kursänderungen können da teuer werden.

Also geht Jürgensen zu den Devisenhändlern. "Der Wechselkurs ändert sich am schnellsten, das Risiko für uns ist hier am größten", sagt Markus Bellers, 39. Der Bereichsleiter Devisenoptionen rechnet ein Beispiel vor, in dem der Euro um einen Cent steigt - und der Wert der Option um mehr als zehn Prozent fällt. "Wenn der Kurs auf 1,24 Dollar geht, und ich habe das Risiko noch im Buch, dann kriege ich die Rübe ab." Also muss er Euro kaufen, zehn Millionen in diesem Fall. Die Details spuckt ihm sein PC mit Hilfe einer Spezialsoftware aus.

"65/66" steht in großen bunten Lettern auf dem Bildschirm seines Handelssystems, sie bedeuten 1,1765 und 1,1766 Dollar, die derzeit gebotenen An- und Verkaufspreise. "Nintendo" nennt Bellers das System abschätzig. Er ist bei HSBC groß geworden, als es noch keinen elektronischen Handel gab, er kann es auch auf die komplizierte Art.

Aber jetzt drückt er einfach den "Buy"-Knopf der Tastatur, und die erste Million ist weg, verkauft von Goldman Sachs für 1,1766 Dollar, die zweite kommt von Société Générale. Die Millionen sind schnell zusammen, alle zum selben Preis. Bellers ist das Kursrisiko los, und da Kollege Jürgensen die Option für 1,1767 Dollar angenommen hat, verdient er noch 1 000 Euro an der Spanne zwischen An- und Verkauf.

Bei den Risiken zwei und drei, Zins und Volatilität, bleibt in der Regel ein wenig mehr Zeit. Die Schwankungen sind nicht so groß wie beim Wechselkurs. Bellers und seine Mitarbeiter nehmen die Optionen meistens in Risikoportfolien auf, die sie mit eigens entwickelten Computerprogrammen überwachen.

Wer diese Art des Handels nicht recht versteht, dem hält HSBC-Direktor Andreas Höfner schon mal ein Döschen Kaffeesahne entgegen: "Ich könnte doch nach der billigsten Kaffeesahne suchen. Ich gucke erst bei Aldi, dann bei Lidl und bei Plus, kaufe zum niedrigsten Preis und verkaufe etwas teurer weiter." Irgendwann, wenn der Preis weltweit im elektronischen Kaffeesahnehandelssystem abrufbar sei, sei es wie auf dem Devisenmarkt: minimale Gewinnspannen, die sich nur bei riesigem Handelsvolumen lohnten. Wer erwartet, dass die Kaffeesahne teurer wird, kauft. Wer sinkende Preise erwartet, verkauft. Eine ewig neue Wette, oder wie es einer von Höfners Kollegen sagt: "Das Leben besteht aus Geld-und-Briefspannen", also An- und Verkauf - egal ob bei Volatilität, Zins oder Kaffeesahne.

Es ist diese Mentalität, die scheinbare Abkopplung vom Welthandel, die den Optionshandel in die Kritik gebracht hat, die Politiker wie Oskar Lafontaine davon reden lässt, "Spekulationen sind die Ursache der Instabilitäten in der Weltwirtschaft und damit schädlich". Täglich werden Devisen im Wert von etwa 1,2 Billionen Dollar um den Globus geschickt. Das Volumen offener Devisenoptionen lag Ende 2002 bei gut 18 Billionen Dollar. Bezug zu realen Im- und Exportgeschäften, zum Verkauf von Bananen, Erdöl oder Maschinen, hätten davon fünf bis zehn Prozent, schätzt Markus Bellers. Genau weiß es niemand.

Aber wer auf die Absicherung verzichtet, für den geht es um viel. Nicht um die vierte oder fünfte Nachkommastelle, auf deren Veränderung die HSBC-Experten achten müssen, sondern häufig um die neunte Stelle vor dem Komma. Bei VW waren es im ersten Quartal 2003 eine Vier und acht Nullen: 400 000 000 Euro weniger Gewinn.

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