Finanzen: "Konfidenz" ist alles

Finanzen
"Konfidenz" ist alles

Die Irak-Krise drückt die Stimmung an den Aktienmärkten. Doch die Fondsmanager von Union Investment bleiben optimistisch. Sonst hätten sie auch den Beruf verfehlt.

Unaufhörlich umkreist der blaue Kugelschreiber den Zeigefinger von Wassili Papas, dreht sich um 180 Grad, fällt auf die Handfläche, bewegt sich wieder zum Finger und kreist. "AOL Time Warner hat fast 100 Milliarden Dollar abgeschrieben, das sind zwei Drittel des Buchwerts", sagt der Spezialist für Telekomaktien. Ein Raunen erfüllt den kahlen Raum mit den spindartigen Wandschränken, in dem sich die Fondsmanager der Union Investment an diesem Freitagmorgen zur täglichen Konferenz versammelt haben.

Einer von Papas? Kollegen schüttelt den Kopf, grinst kurz und blickt auf den Boden. Hinter dem Telekomexperten hängt ein Plakat. "Welches Kursziel? Wie hoch ist die Konfidenz?" steht darauf. Papas hat "Konfidenz". Er, der vor einigen Jahren zu den Stars des Neuen Marktes gehörte, glaubt an die Aktie von AOL Time Warner. So viel ist sicher. Trotz des rastlosen Kulis in seiner Hand. Trotz des 100-Milliarden- Dollar-Verlustes des Konzerns, des höchsten in der Wirtschaftsgeschichte. Trotz des 5. Februars, der immer näher rückt.

Am 5. Februar, also heute, will US-Außenminister Colin Powell Beweise dafür vorlegen, dass der Irak Massenvernichtungswaffen besitzt. Die Kurse an den europäischen Aktienmärkten werden wohl wieder stürzen - wie schon an den neun Handelstagen zwischen dem 15. und dem 28. Januar.

Die Anlageexperten sind in einer prekären Situation. Seit fast drei Jahren sinken die Kurse an den Aktienmärkten, und eigentlich sollte es 2003 endlich aufwärts gehen. Doch nun steht ein Krieg im Irak vor der Tür. Die Folgen sind unabsehbar, die Unsicherheit steigt. Die meisten Investmentbanken raten dennoch zum Einstieg. Morgan Stanley gibt europäischen Aktien 20 Prozent Kurspotenzial, die Strategen von Salomon Smith Barney sind "vorsichtig optimistisch". Wie die meisten Banken. Wie 2001. Wie 2002. Wie eigentlich immer.

"Bisher haben wir mit unseren Einschätzungen falsch gelegen", räumen die Salomon-Strategen in einer Studie freimütig ein. Doch diesmal geht es aufwärts. Ganz sicher. Trotz der Irak-Krise.

Die Zeit bis zu Powells Rede verrinnt. "Grundlegend ändert sich an unserer Vorgehensweise nichts, wenn ein Krieg bevorsteht. Wir verfolgen eine langfristige Strategie", sagt Christoph Niesel, Teamleiter für europäische Aktien bei Union Investment. "Wir machen uns von kurzfristigen geopolitischen Auswirkungen frei." Das Hinterteil des rothaarigen Mannes mit dem Kinnbart ist gut zwei Handbreit von der Stuhllehne entfernt, er redet bedächtig. Eine solche Unsicherheit in den Märkten komme eben vor.

Der Einbruch der Aktienmärkte nach dem Reaktorunglück in Tschernobyl 1986, der Oktober-Crash 1987, der "Gorbatschow-Crash" nach dem Putsch 1991 - Niesel kennt solche Situationen. "Momentan warten wir auf die Sitzung des Uno-Sicherheitsrates am 5. Februar. Die Wahrscheinlichkeit eines Irak-Kriegs ist weiter hoch", sagt der Mann mit dem grauen Hemd und der rotbraunen Krawatte.

Er blickt aus dem Fenster im elften Stock des Union-Investment-Hauses, sieht den grauen Frankfurter Himmel, verschneite Dächer und die grauen Betonwaben des Hotel Intercontinental. Dann faltet er die Hände und klopft auf den Tisch: "Wir verfolgen konsequent unser Investmentschema und suchen unterbewertete Aktien. Wir müssen uns von Emotionen befreien", sagt er - um dann abzuschwächen, Fondsmanager seien natürlich keine Roboter. Früher, als die Kurse scheinbar grenzenlos nach oben schossen, da hätten sie im Büro um einiges mehr gelacht.

Aber jetzt ist die Stimmung gedrückt: Neun Handelstage Minus in Folge, das ist ein neuer Rekord für den Euro-Stoxx 50. Das gab es noch nie. Doch Aktienfondsmanager haben den Beruf verfehlt, wenn sie ihren Optimismus verlieren. Langfristig sind Aktien die beste Anlage, das ist ihr Standardwissen. Auf den langen Atem kommt es an - und auf den ruhigen Kopf. Dem Markt fehlen 30 Prozent nach oben, er übertreibt nur gerade nach unten. Und AOL Time Warner, ha!, eine bombensichere Investition: "Die Aktie hat eine fundamentale Bewertungsunterstützung bei elf Dollar", sagt Papas, das New-Economy-Fossil. Ein Wert mit eingebautem Kurs-Airbag, quasi. "Die Aktie sollte sich gut halten, wenn wir auf einen Irak-Krieg zusteuern. Aber ich hör? jetzt mal auf, die Zeit ist schon so weit fortgeschritten."

Papas fährt sich mit der Hand über die Stirn und greift an seine markante Nase. Der Kuli säubert den Nagel seines rechten Zeigefingers. Der Fondsmanager trägt einen Pullover über dem Business-Hemd und eine Cordhose - den "Casual Friday" gibt es noch.

Das Morgentreffen ist beendet. Die 14 Aktienexperten schwirren zurück vor ihre Bildschirme mit den Tickermeldungen, Kurscharts und Indexlisten. Die Suche nach unterbewerteten Aktien, der Kampf mit dem Vergleichsindex beginnen erneut - unter noch höherer Aufmerksamkeit als sonst. Die Krise! Der Krieg! "Da ist spontanes Handeln gefragt", sagt Niesel.

Natürlich sei es "deprimierend, dass wir wieder so schlecht ins neue Jahr gestartet sind". Die Märkte seien "hypernervös", ihre heftige Reaktion auf die Nachrichten aus den USA und dem Irak hat ihn überrascht. "Wenn Bush eine Rede hält, dann sind wir davor doppelt vorsichtig", sagt Niesel.

Wenn sich das Aktienteam freitags ins Wochenende verabschiede und die Märkte in den USA bis zum späten Abend weiter fielen, "dann ist das Wochenende oft schon gelaufen". Doch wer so etwas zu stark an sich heranlasse, der werde nicht alt in dem Geschäft. Niesel blickt zielstrebig durch seine ovale Brille. Die Kriegsangst, die Panik an den Märkten, okay. Aber wenn es losgeht im Irak, dann hat das auch etwas Gutes. "Dann wäre die Unsicherheit aus dem Markt, und die Aktien dürften kräftig steigen."

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