Finanzen
Kontrolle ist gut. Mehr Kontrolle ist besser.

Nie war die Bankenaufsicht wichtiger als in diesen Zeiten von Börsenbaisse und Firmenpleiten. Die neu gegründete BaFin muss ihren Teil tun, damit sich die Situation nicht in eine systemgefährdende Bankenkrise verwandelt. Doch die Beamten sind noch nicht gut aufgestellt.

Am Abend des 6. Mai 2002 muss Lothar Mark endgültig kapitulieren. Bis zuletzt kämpft der Bankier um neue Geldgeber für seine angeschlagene Gontard & Metallbank. Doch alles Verhandeln, alles Bitten und Argumentieren ist umsonst: Um 19 Uhr trifft die gefürchtete Nachricht im vornehmen Frankfurter Westend ein: Die Gontard & Metallbank wird für den Kundenverkehr geschlossen. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat die monatelange Krise des 275 Jahre alten Traditionshauses beendet. Der Ein-Meter-90-Mann mit dem markanten Schädel ist am Ende.

Die Entscheidung über das Aus fällt weit entfernt von den Frankfurter Bankentürmen im tristen Norden Bonns, in einem labyrinthisch verwinkelten, kasernenartigenGebäudekomplex, in dem einmal das Bundesfinanzministerium zu Hause war. Heute sitzen hier die Beamten der BaFin, und die Aufseher haben wegen der angespannten Lage in der deutschen Bankenlandschaft mehr als genug zu tun.

Die gesamte Geldbranche leidet unter der Dauerbaisse an den Börsen, die den Wert der stillen Reserven zusammenschmelzen lässt und die das einst so lukrative Investment-Banking in die Krise gestürzt hat. Dazu kommt die Konjunkturflaute, die mit immer neuen Unternehmenspleiten und immer neuen Kreditausfällen allen Banken das Leben schwer macht.

Fahren die Institute dann noch ein riskantes Geschäftsmodell, kann es eng werden. Bei der Gontard & Metallbank war es die Konzentration auf den Neuen Markt. Bei der Hofer Schmidt-Bank, deren Zusammenbruch ein Bankenkonsortium verhindern musste, war es die Ausrichtung auf die Porzellanindustrie und die Gastronomie. Zuletzt brachten riskante Kredite an Bauträger die Kölner Bank in Turbulenzen. Jetzt muss aller Voraussicht nach die Sicherungseinrichtung der Genossenschaftsbanken die Löcher in der Bilanz stopfen.

Für Schlagzeilen sorgen vor allem diese spektakulären Fälle, doch viel häufiger wirken die Aufseher im Verborgenen, veranlassen Sonderprüfungen oder sitzen bei den Aufsichtsratssitzungen der Banken mit am Tisch, um zu verhindern, dass sich die Ertragskrise der deutschen Geldwirtschaft zu einer systemgefährdenden Bankenkrise auswächst.

Die Überwacher treten dieser Situation noch zu schwach gerüstet gegenüber. Zwar arbeiten bei der BaFin aktuell 1150 Mitarbeiter, und der Haushalt umfasst 118 Millionen Euro. Doch trotz dieser auf den ersten Blick imponierenden Zahlen kämpfen sie nach Jahren des Sparzwanges mit massiven Kapazitätsproblemen.

Außerdem steckt die neue Anstalt neun Monate nach der Vereinigung von Banken-, Versicherungs- und Wertpapieraufsicht zur BaFin noch immer mitten im Fusionsstress. Auch die von Bundesfinanzminister Hans Eichel verordnete Aufgabenteilung mit der Bundesbank muss in der Praxis noch ausgefochten werden. Und als wäre das alles nicht schon Kräfte zehrend genug, haben die Aufseher derzeit auch noch die "Betriebsprüfung" im Haus. Ausgerechnet jetzt untersucht der Internationale Währungsfonds die Stabilität des deutschen Finanzsystems. Selbst Jochen Sanio, der Chef der Anstalt gesteht: "Das ist alles ein bisschen viel auf einmal."

Am Ende eines nüchternen Linoleumganges in einem bescheidenen Erdgeschossbüro mit Blick auf einen grauen Parkplatz logiert Thomas Happel, Präsident der Abteilung BA3 der BaFin, unter anderem verantwortlich für die Privatbankenaufsicht - der Mann, der das Ende der Gontard & Metallbank besiegelte.

"Wir sahen das Geschäftsmodell des Instituts als ausgesprochen riskant an", erzählt Happel, der mit seinen kurzen, angegrauten Locken und dem getrimmten Vollbart an den Fußballer Paul Breitner erinnert. Als am Neuen Markt die rasante Talfahrt der Kurse beginnt, gerät auch die Bank ins Schlingern. Die Überwacher beobachten die Entwicklung über Monate mit zunehmendem Misstrauen, schließlich ordnen sie eine Sonderprüfung an. Das Ergebnis bestätigt die Befürchtungen: große Risiken im Kreditportfolio und ein hoher Wertberichtigungsbedarf.

"Wir haben das Institut dann in engste Manndeckung genommen, den Zustand der Bank täglich kontrolliert", berichtet Happel. Doch als die Kurse am Neuen Markt weiter wegbrechen, schwindet unaufhaltsam der Wert der Kreditsicherheiten. Als Bankier Mark trotz langer Suche keinen rettenden Investor präsentieren kann, bleibt dem Aufseher nichts anderes übrig, als "den Stecker zu ziehen". Zwar lässt sich der Zusammenbruch nicht verhindern, "doch unsere Frühwarnsysteme haben funktioniert, jetzt galt es, die Bank ordnungsgemäß zu beerdigen".

Die Aufseher können nur kontrollieren, ob alle Vorschriften und Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden. Ihr Job ist es sicherzustellen, dass die Bank nicht im Blindflug über gefährlichem Terrain navigiert. Für die Strategie eines Geldhauses, wie riskant auch immer, sind aber allein Vorstand und Aufsichtsrat verantwortlich. Happel drückt das so aus: "Pleiten gehören eben mit zur Markthygiene."

Immer wieder versichert der Chor der Verantwortlichen von der BaFin über die Bundesbank und die Bundesregierung bis hin zu den Chefs der Banken in diesen Tagen, dass es in Deutschland keine Bankenkrise gebe. Doch die internationale Finanzgemeinde ist nervös. Wie nervös, das zeigt das Beispiel der Commerzbank. Im vergangenen Herbst verbreiteten sich von London aus hässliche Gerüchte, die Großbank stecke in akuten Liquiditätsnöten. Die Investmentbank JP Morgan warnte bereits, die unbegründeten Spekulationen drohten sich in eine selbst erfüllende Prophezeiung zu verwandeln.

"Am Ende musste die BaFin eingreifen und mit einem harten Dementi die Gerüchte zerstreuen", erinnert sich Karin Grigat. Die agile Juristin und Sozialwissenschaftlerin überwacht seit sechs Jahren die Deutsche Bank. Die Kontrolle der Großbanken gehört zu den heikelsten Aufgaben, denn sie sind im Amtsdeutsch der BaFin "systemrelevant", eine Schieflage wäre ein enormer Belastungstest für das gesamte deutsche Finanzsystem. "Global agierende Konzerne kann man nicht anhand von Prüfberichten oder Jahresabschlüssen kontrollieren, da muss man versuchen, immer auf Ballhöhe zu bleiben", betont Grigat, die die Hälfte des vergangenen Jahres auf den Spuren der Deutschen Bank auf Reisen verbracht hat. "Das muss sein, sonst erfährt man von wichtigen Veränderungen erst aus der Zeitung."

"Wir müssen in die Banken hinein und mit allen reden, auch mit dem Pförtner", bestätigt Happel und erzählt von einem kleineren Institut: "Dort waren die beiden Vorstände so zerstritten, dass sie nur noch schriftlich miteinander verkehrten, so etwas muss man als Aufseher einfach wissen."

Doch genau hier liegen die Probleme, genauer gesagt die Kapazitätsprobleme. Bis vor wenigen Jahren wurde die riesige Deutsche Bank von gerade einmal zwei Aufsehern überwacht. In einem von Happels Referaten waren kümmerliche 2,5 Stellen für die Kontrolle von 250 Sparkassen vorgesehen.

Allmählich bessert sich die Lage. Aufseher Happel sieht mittlerweile nicht mehr"nur ein Licht am Ende des Tunnels, sondern einen ganzen Scheinwerfer". Denn mit der Fusion zur neuen BaFin hat Bundesfinanzminister Eichel die Aufseher auch aus dem Würgegriff des Haushaltsrechts und der Sparwut des eigenen Ressorts befreit. Künftig tragen die Beaufsichtigten die gesamten Kosten der Anstalt, und Banken und Versicherer haben seit der Fusion rund 430 neue Stellen spendiert, von denen bisher 100 besetzt sind.

Es geht also voran mit der deutschen Bankenaufsicht. Vom Idealzustand ist die BaFin noch weit entfernt. "Für uns geht es jetzt erst einmal darum, die größten Löcher zu stopfen", sagt Aufseherin Grigat.

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