Finanzen
Schlechter Rat kommt teuer

Schwindsüchtige Depots haben Vermögensverwaltern den Nimbus geraubt. Wozu braucht man sie noch, fragen sich viele Kunden. Andere versuchen, ihr verlorenes Geld auf dem Klageweg einzutreiben. Gute Banken zeigen sich nachgiebig.

Bei Trinkaus & Burkhardt bekommt jeder Kunde den roten Teppich. Er muss nicht jedesmal ausgerollt werden, er ist als Meterware im Foyer verlegt. Glänzende Designerlampen, milchig schimmernde Glasscheiben, Ledersessel, hier und da ein gemäßigt modernes Kunstwerk: Die mehr als 200 Jahre alte Privatbank hat sich auf feine Kunden eingestellt. Zielgruppe sind Deutschlands rund 360 000 Millionäre - immer noch in D-Mark gerechnet.

Doch allein der Panoramablick aus dem Besprechungszimmer auf die sonnige Düsseldorfer Königsallee hilft wenig, wenn der deutsche Aktienmarkt allein seit Jahresanfang trotz zwischenzeitlicher Erholung um rund 40 Prozent eingebrochen ist. Mit jedem Tag schrumpft das Vermögen der Kunden und damit das Geschäft der Bank, weil die Provisionen häufig vom Volumen abhängig sind. Mit jedem Tag werden die Berater ratloser. Sie wissen nicht mehr, wie sie ihre Kunden noch aufmuntern sollen. Zu oft schon haben sie den nächsten Aufschwung in greifbarer Nähe gesehen. Und die reichen Kunden sind anspruchsvoll; neben der reinen Vermögensanlage erwarten sie eine finanzielle Rundumbetreuung.

Kaum ein Vermögensverwalter, der seine Klienten vor der Börsenbaisse schützen konnte. "Wir haben alle verloren", sagt Anja Tack, die bei Trinkaus für das Marketing der Vermögensverwaltung verantwortlich ist. Mit kurzem, rötlichem Haar, gedecktem Kostüm und lässig umgeschlungenem Halstuch verkörpert sie auch als Person den unaufdringlich eleganten Stil ihres Hauses. "Zum Glück ist bei uns kaum ein Kunde deswegen abgesprungen", sagt sie, "aber manche haben einfach resigniert."

Und der eine oder andere, gesteht sie ein, stelle sich die Frage, wozu man überhaupt einen Vermögensverwalter brauche

.

Auch Dietmar Binkowska, der in der Commerzbank konzernweit das Geschäft mit exklusiven Privatkunden leitet, sagt: "Viele Kunden sind börsenmüde", und seine Stimme klingt traurig. Binkowska, der trotz seines perfekt sitzenden Anzugs offener und lockerer wirkt als die meisten anderen Banker, hat den Geschäftsbereich gerade jetzt übernommen und soll ihn weltweit ausbauen - ein schwerer Einstieg.

Die Börsenschwäche schlage den Anlegern "extrem aufs Gemüt", sagt er. Die Kunden fragten sich mit "völligem Unverständnis", ob die wirtschaftliche Situation wirklich so schlecht sei und wie zum Beispiel eine Allianz-Aktie so extrem an Wert verlieren könne. "Viele unserer Kunden sind zu spät eingestiegen, haben eine längere Abwärts- als Aufwärtsstrecke hinter sich", sagt Binkowska.

Die meisten Kunden leiden still und hoffen auf bessere Zeiten. Sie schauen nicht mehr ins Depot und rufen auch die Bank nur noch selten an. Aber nicht alle sind so bequem. "Gerade diejenigen, die vorher am aggressivsten einsteigen wollten, beschweren sich hinterher am lautesten", sagt ein privater Vermögensverwalter, der lieber anonym bleiben möchte. "Solche Schlaumeier gibt es immer."

Gerade die privaten Vermögensverwalter sind durch die Krise des Aktienmarktes in Bedrängnis geraten. Etliche Berater stehen vor dem finanziellen Ruin. "Die lange Baisse hat einigen das Genick gebrochen", sagt Lutz Gebser, Chef des Verbandes unabhängiger Vermögensverwalter (VuV). Die Zahl der von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) zugelassenen Vermögensverwalter ist in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen auf aktuell knapp über 500.

Mit bösen Worten lassen es nicht alle enttäuschten Anleger bewenden - einige klagen auch. Die Chancen, das Geld wiederzubekommen, sind sehr unterschiedlich. Während seriöse Banken oft zahlen, wenn ihre Berater Fehler gemacht haben, ist bei vielen unabhängigen Vermögensberatern nichts zu holen (siehe Text unten: ". . . kommt teuer").

"Manche Kunden verklagen ihre Bank wegen Untätigkeit, weil sie nichts unternommen hat, obwohl die Kurse immer weiter gesunken sind", sagt Rechtsanwalt Frank Schäfer, dessen Büro in der Nähe der Königsallee liegt, wo in Düsseldorf Milliarden an Kundengeldern betreut werden. Wenn der Verwalter den Kunden regelmäßig informiert habe, sei mit dieser Argumentation aber wenig auszurichten. Die Verluste allein seien keine Grundlage für eine erfolgreiche Klage.

"Man muss früher ansetzen", erläutert der Anwalt. Oft sei schon das vereinbarte Anlagekonzept nicht für den Kunden geeignet gewesen. Er beschreibt einen krassen Fall: Eine gut 50-jährige Frau mit zwei Kindern bekam von ihrem Mann nach der Scheidung 1,2 Millionen Euro als Abfindung, womit sie den Rest ihres Lebens finanzieren sollte. Die Bank riet, das Geld zu 80 Prozent in Aktien zu stecken, und setzte vor allem auf Papiere aus dem Neuen Markt und dem Biotech-Sektor. "Ein klarer Fall von Fehlberatung", meint Schäfer.

Manche Banken sehen in solchen Fällen ein, dass sie Fehler gemacht haben. "Institute mit viel Erfahrung in der Vermögensverwaltung sind schneller zu einem Vergleich bereit, wenn etwas schief gelaufen ist", meint Schäfer. Kleinere Häuser mit weniger Erfahrung stellten sich hingegen häufiger stur. "In diesem Punkt unterscheidet sich eine gute von einer schlechten Bank", meint der Anwalt. Er weist noch auf einen weiteren wichtigen Punkt hin: "In der Schweiz eine Bank zu belangen ist viel schwieriger als in Deutschland."

Hin und wieder müssen Kunden auch vor sich selbst geschützt werden. Zur Not unter Dehnung des vereinbarten Auftrags. "Auch wenn Sie eigentlich ein reines Aktienmandat vereinbart haben, müssen Sie schon mal in andere Anlagen umschichten, wenn der Kunde schlecht schläft", sagt der private Vermögensverwalter Bert Flossbach.

In trüben Börsenzeiten wirkt es sich verheerend aus, wenn die Vermögensverwalter keine festen Beziehungen zu ihren Kunden aufgebaut haben. Ständig wechselnde Berater führen dazu, dass der Kunde sich nicht ernst genommen fühlt - und das verträgt man mit sinkenden Kursen besonders schlecht. . Commerzbank-Mann Binkowska erzählt, vor allem die schweizerischen Banken UBS und CSFB hätten zum Teil mit horrenden Gehältern Betreuer abgeworben und damit Lücken ins Beraternetz der deutschen Banken gerissen. "Zum Teil stehen diese Leute jetzt wieder bei uns vor der Tür", erzählt er. "Aber da tun Sie sich schwer, wenn es einen Einstellungsstopp gibt."

Was sagen die Berater den Kunden jetzt? Im Grunde nichts Neues: Langfristig seien Aktien eben doch keine schlechte Sache. Allerdings spielen Anleihen wieder eine größere Rolle. Und Aktienfonds, die einen Einstandskurs garantieren, werden nun auch Millionären empfohlen - früher galten sie eher als Einsteigerprodukte.

Doch wozu braucht man dann noch die Experten, wenn man ohnehin auf Nummer sicher geht? Binkowska sagt: "Das sind wir früher auch schon gefragt worden, als das Geldverdienen scheinbar ganz einfach war."

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