Finanzengpass soll durch Investoren abgewendet werden
Brokat-Hauptversammlung von massiver Kritik und Tumulten geprägt

Das angeschlagene Software-Unternehmen Brokat hat vor seinen Aktionären die Lösung der massiven Finanzprobleme angekündigt.

Reuters STUTTGART. Der Finanzsoftware Brokat AG-Hersteller spricht nach eigenen Angaben mit potenziellen Investoren und will dadurch den im vierten Quartal möglicherweise drohenden Liquiditätsengpass abwenden. "Wir führen Gespräche mit Investoren, mit Firmen, die uns Geld zuführen könnten", sagte Finanzvorstand Micheal Janßen am Donnerstag auf der von massiver Aktionärs-Kritik und Tumulten geprägten Hauptversammlung in Stuttgart.

Falls nicht wie geplant im vierten Quartal die operative Gewinnschwelle erreicht werde, müsse dem Unternehmen neues Geld zugeführt werden. Aktionärsvertreter übten scharfe Kritik an der Führungsriege und warfen ihr vor, die Kostensenkungsmaßnahmen viel zu spät ergriffen zu haben. Firmenchef Stefan Röver kündigte eine neue Konzernstruktur an.



Zu den möglichen Investoren könne er noch keine weiteren Details nennen, da er die laufenden Gespräche nicht gefährden wolle, sagte Janßen weiter. Eine Lösung wie bei Siemens sei aber denkbar. Der Münchener Konzern hatte Ende 2000 für 72 Mill. ? drei Prozent der Brokat-Aktien erworben. Die zusätzlichen Gelder würde Brokat dann benötigen, wenn das bisherige Gewinnziel durch die eingeschlagenen Kostensenkungsmaßnahmen nicht erreicht werde, erläuterte Janßen.



Das Unternehmen will im laufenden Jahr nach Steuern, Zinsen, Abschreibungen und Mitarbeiterbeteiligungen (Ebitdaso) die Gewinnschwelle erreichen. Dazu muss aber nach früheren Angaben die kürzlich heruntergesetzte Umsatzprognose von 180 bis 190 Mill. ? auch wirklich erreicht werden. Die im Ebitdaso nicht enthaltenen Firmenwertabschreibungen würden 2001 bei unveränderten Bilanz-Richtlinien um rund 90 Mill. ? auf 138 Mill. ? steigen, erwartete Janßen.



Dem Vorstand Versagen vorgeworfen



Aktionärsvertreter warfen dem Vorstand vor, sie hätten viel zu spät Maßnahmen zur Verminderung der ausufernden Kosten ergriffen. "Das Management hat versagt", sagte Rudolf Neumann von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK). "Jetzt geht es um die existenzielle Frage, wie Brokat die Insolvenz vermeiden kann." Winfried Holtermann von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) kündigte an, sein Verband erwäge weitere rechtliche Schritte gegen die Führungsgremien des Unternehmens. Mit einem monatlichen negativen Cash-Flow von 15 Mill. ? werde Brokat seine liquiden Mittel schon im dritten Quartal aufbrauchen. Nach früheren Firmenangaben hatte Brokat zum Ende des ersten Quartals noch knapp 90 Mill. ? an flüssigen Mitteln und erwartet, dass dieses Geld bis zum Schlussquartal 2001 ausreicht.



Die von mehreren Aktionärsvereinigungen wegen des zur Hälfte aufgezehrten Grundkapitals gestellte Antrag, die Führungsgremien nicht zu entlasten, wurde von den Anteilseignern mit über 90-prozentiger Mehrheit abgelehnt. Die Stuttgarter Firma hatte den Kapitalaufbrauch vor einigen Wochen bekannt gegeben und zudem einen Stellenabbau von 20 % angekündigt. Der Vorstand wurde ferner ermächtigt, bis Ende Mai 2006 Wandelschuldverschreibungen von bis zu einer Milliarde Euro zu begeben.



Röver verteidigte die bisherige Expansionsstrategie des Unternehmens. "Es gab optimistische Wachstumsprognosen für den Technologiebereich, die viele Unternehmen - auch Brokat - zu hohen Investitionen veranlasst haben". Die Firma hatte im Jahr 2000 in den USA die Gesellschaften Blaze Software und Gemstone gekauft. Die mittlerweile angespannte Marktlage habe zu einer "für Brokat nicht ganz einfachen Finanzsituation geführt", räumte er ein. Er kündigte an, zusätzlich zu Kostensenkungen wolle Brokat mit einer auf drei Geschäftsbereiche konzentrierten Firmenstruktur auf die angespannte Situation reagieren. Die neuen Sparten mobiles Geschäft, Finanzsoftware, und Personalisierungslösungen könnten so stärker nach Profitabilitätsgesichtspunkten geführt werden.



Tumultartige Zustände



Die Hauptversammlung wurde über Stunden hinweg immer wieder vom tumultartigen Zuständen begleitet und musste zeitweise sogar unterbrochen werden, da die Abstimmungszettel teils nicht die Stimmanteile der Aktionäre enthielten. Ein DSW-Vertreter bekam die ihm von Aktionären erteilten Vollmachten nicht ausgehändigt, wodurch sich die Abstimmungen hinzögerten. Ein Aktionär wurde aufgefordert, wegen ständiger Zwischenrufe den Saal zu verlassen.



Die im Blue Chip-Index Nemax50 des Neuen Marktes notierten Brokat-Aktien, die seit Mitte Januar auf ein Zehntel ihres damaligen Wertes gestürzt waren, gingen am Donnerstag bei einem freundlichen Gesamtmarkt mit einem Plus von 9,48 % bei 3,58 ? aus dem Handel. Vergangene Woche hatte das Bankhaus Metzler Equity Research ein Kursziel für Brokat-Aktien von null Euro genannt.

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