Finanziell könnte die Leichtathletik-EM in München ein Erfolg werden, sportlich wohl weniger
„Restlos ausverkauft“

Alle Sponsoring-Pakete und Vip-Tickets wurden schon abgesetzt, auch die normalen Tickets laufen gut. Dank des kleinen Budgets dürfte damit die Leichtathletik-EM finanziell in trockenen Tüchern sein. Die deutsche Mannschaft hingegen steht vor einem harten Wettbewerb.

MÜNCHEN. Bisher lief es in diesem Jahr für 800-m-Olympiasieger Nils Schumann nicht rund. Im Februar stürzte er mit dem Mountainbike und brach sich den Oberarm, so dass er die Hallensaison sausen lassen musste. Im Freien lief er dann lange der Konkurrenz hinterher und musste sich bei den Deutschen Meisterschaften von dem 19-Jährigen Rene Herms schlagen lassen. Erst Ende Juli in Leverkusen konnte der 24-Jährige in 1:45,11 Minuten an alte Erfolge anknüpfen, wenige Tage vor dem Ereignis, auf das er das ganze Jahr hingearbeitet hatte: "Mich interessiert nur die Europameisterschaft in München", erklärte der 24-Jährige, wenn er auf seine Pechsträhne angesprochen wurde.

Die am Dienstag beginnenden kontinentalen Wettkämpfe sind in diesem Jahr zweifellos der Saisonhöhepunkt für Europas Leichtathleten, und 30 Jahre nach den Olympischen Spielen liegt die Messlatte nicht nur für die Aktiven hoch: "Wir werden bewusst an Olympia 1972 anknüpfen", sagt der Chef des EM-Organisationskomitees, Helmut Digel. Obwohl die olympische Kernsportart nach einer Studie der Kölner Agentur Sport + Markt bei der Frage nach der beliebtesten TV-Sportart nur noch auf Platz fünf hinter Fußball, Motorsport, Ski und Boxen rangiert, rechnet der frühere Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) mit einem vollen Haus. Bis Ende vergangener Woche seien bereit 145 000 Karten verkauft worden, für 40 000 weitere lagen feste Bestellungen vor.

Preisgelder sind kein Thema

Zumindest wirtschaftlich dürfte die EM damit ein Erfolg werden, denn bei 170 000 verkauften Karten beginnt für die Veranstalter die Gewinnzone. "Es war nicht einfach, nach der Fußball-WM Interesse für die Leichtathletik zu wecken", gesteht Sportsoziologe Digel, der extra einen Werbebus durch Bayern und Baden-Württemberg schickte.

Sieben Millionen Euro kann der für Marketing zuständige Vizepräsident des Internationalen Leichtathletik-Verbandes IAAF in München verplanen - eher wenig, wenn man bedenkt, dass beispielsweise die Veranstalter des eintägigen Golden-League-Meetings in Zürich mit vier Millionen Euro kalkulieren. "Vor dem Hintergrund der allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnisse, in die wir uns auch mit der EM einordnen müssen, ist das Budget sehr verantwortungsbewusst", betont Digel. Der Europäische Leichtathletik-Verband EAA sponsert die EM mit 5,5 Millionen Schweizer Franken, wobei nur ein Teil an die Organisatoren fließt, während der Rest als Zuschuss für Fahrt- und Unterbringungskosten direkt an die teilnehmenden Verbände überwiesen wird. In einem Punkt gibt sich der Verband aber knausrig: Preisgelder an die Athleten zahlt er bei europäischen Wettkämpfen prinzipiell nicht.

Auf großes Interesse stößt die EM laut Digel bei der Wirtschaft: Sponsorenpakete und Vip-Tickets seien "restlos ausverkauft". Neben den EAA-Geldgebern Spar, Seiko, Gedas, Krombacher, Energizer, Epson und Jerzees konnten die Veranstalter auch Asics, Bonaqa, Energie Baden-Württemberg (EnBW) und Vodafone als Partner gewinnen. Die deutsche Gesellschaft des britischen Telekommunikationskonzerns engagiert sich erstmals in der Leichtathletik und setzt auf klassische Bandenwerbung im Stadion sowie an der Geher- und Marathonstrecke. "Wir haben schon bei der Fußball-WM gesehen, dass der Sport bei den Multimedia-Diensten eine ganz wichtige Rolle spielt", begründet Vodafone-Sprecher Christian Schwolow den Ausflug auf unbekanntes Terrain. "Außerdem gibt es in diesem Jahr ja nicht ganz viele sportliche Großveranstaltungen in Deutschland."

Deutsche Medaillenkandidaten sind rar

Ob die EM für die hiesigen Sportler auch aus sportlicher Sicht ein Großereignis wird, bleibt abzuwarten. Der deutsche Verband habe für die Wettkämpfe alles nominiert, was nicht rechtzeitig bei drei auf den Bäumen war, schrieb die Süddeutsche Zeitung und fing sich damit einen bösen Leserbrief von Rüdiger Nickel ein, der sich als DLV-Vizepräsident um den Leistungssport kümmert. Tatsache ist, dass von den knapp 100 nominierten Sportlern etwa die Hälfte nur die "weiche" EM-Norm erfüllten, die für die jüngeren Jahrgänge gilt. Von den sieben Deutschen, die bei der EM 1998 Gold in Einzeldisziplinen holten, sind nur Schumann, Weitspringerin Heike Drechsler, 3 000-m-Hindernisläufer Damian Kallabis und 400-Meter-Läuferin Grit Breuer dabei. Die Diskuswerfer Lars Riedel und Franka Dietzsch sowie Speerwerferin Tanja Damaske mussten dagegen auf Grund von Verletzungen absagen.

DLV-Präsident Clemens Prokop setzt deshalb vor allem auf die junge Garde, die nun in die Fußstapfen der alten Haudegen treten und einen Generationswechsel vollziehen könne. So hätten etwa die Sprinterin Sina Schielke (siehe nebenstehenden Bericht), Stabhochsprung-Europarekordlerin Annika Becker oder 400-m-Staffelläufer Bastian Swillims gezeigt, dass mit ihnen auf Dauer zu rechnen sei. Als Ziel gibt Prokop 15 bis 18 Medaillen und einen Platz unter den ersten drei in der Nationenwertung vor: "Auch wenn einige glauben, ich bin ein Phantast, aber im eigenen Land müssen wir auch den Anspruch haben, um Platz eins in der Mannschaftswertung mitzukämpfen."

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