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Finanzierung eines Dinosauriers

Die WestLB steckte 1,35 Milliarden Euro in ein Unternehmen ohne Zukunft – ein Desaster, dessen wahre Dimension noch immer nicht absehbar ist

Im Internet scheint die Welt von Boxclever noch heute in schillernden Farben. "Great TV forever", jubelt der britische Fernsehvermieter da auf blauem Untergrund. Die Sprücheklopfer der Firma setzen noch eins drauf: "Wir bei Boxclever geben ihnen Macht und Freiheit" - die Macht, einen billigen Fernseher nach Hause zu tragen, und die Freiheit, ihn umzutauschen.

Die Realität ist trister. Ein Secondhandladen der Krebshilfe und ein Ramschladen für chinesische Pflanzenmedizin rahmen die Boxclever- Filiale im Londoner Südwesten ein; eine von insgesamt 170, die der Quasi-Monopolist betreibt. Wer sie betritt, taucht ein in eine graue Welt - grau wie der Teppichboden des Geschäfts, grau wie die Haarfarbe der meist schon etwas betagten Fernsehermieter. In dem Shop, den der Kunde mit vier bis fünf Schritten durchquert, reihen sich weiße und silberfarbene Fernseher in den Regalen. Daneben stehen Videorecorder, DVD-Geräte und sogar der ein oder andere Kühlschrank. Ein "leicht defekter" Fernseher lockt im Schaufenster mit Preisnachlass. Gleich dahinter steht eine zweistufige Aluminiumleiter.

Solche Läden zerstören normalerweise eher die gute Laune der Kunden als die Karrieren von Top-Bankern. Und doch ist es passiert. WestLB-Chef Jürgen Sengera und ein weiteres Vorstandsmitglied mussten zurücktreten, weil ihre Bank Boxclever 1,35 Milliarden Euro geliehen hat - einer Firma, deren Geschäftspläne sich zunehmend als Wunschträume erwiesen. Den Großteil des Geldes wird die Bank nie wiedersehen. Auch Robin Saunders, die schillernde Amerikanerin, die das desaströse Geschäft für die WestLB eingefädelt hat, wird wohl bald gehen müssen. "Wenn die Restrukturierung bei Boxclever beendet ist, werden wir uns von ihr trennen", heißt es in WestLB-Kreisen.

Die Düsseldorfer Bank erwartet, dass ihr Londoner Debakel noch längst nicht ausgestanden ist. 687,9 Millionen Euro hat sie bereits abgeschrieben. Aber in der Bilanz stehen weitere rund 330 Millionen Euro; und am Ende könnte es gar einen Totalverlust geben. Denn die von der deutschen Finanzaufsicht BaFin beauftragten Prüfer der Gesellschaft Ernst & Young sehen den Fortbestand von Boxclever bedroht: Sie bescheinigen dem Unternehmen ein "preislich wenig wettbewerbsfähiges Produkt, ein unattraktives Vertriebskonzept, schlechte Produktverfügbarkeit und geringes Markenbewusstsein".

Rückblick: Im Juni 2000 fusionieren die beiden Konsumelektronikverleiher Granada Home Technology und Thorn UK?s Radio Rentals. Granada bleibt beteiligt, für Thorn steigt später das Investmentunternehmen Terra Firma Capital Partners ein. Beide setzen aber nur zehn Millionen Euro Eigenkapital ein. Sie wollen frisches Geld. Viele Banken winken ab. Das Geschäft verspricht wenig Gewinn, aber hohes Risiko. Da springt Robin Saunders ein. Mit Hilfe einer komplizierten Transaktion verschafft sie Boxclever 860 Millionen Pfund, also 1,35 Milliarden Euro. Als Sicherheit für die WestLB nimmt sie die Boxclever- Mieteinnahmen - ein scheinbar stetiger Geldstrom. Doch die Blondine verrechnet sich: Schon bald zeichnet sich ab, dass das Geld nur spärlich fließt. Vor allem kündigen allein 2002 fünfmal mehr Kunden ihre Verträge als veranschlagt. Alle Modellrechnungen sind Makulatur.

Das Geld ist weg, die Fragen bleiben: Wie konnte Saunders in Boxclever investieren? Wie kam sie zu diesen optimistischen Prognosen?

Wer heute in ein Boxclever-Geschäft geht, kommt sich vor wie in einem Seniorenheim. Ältere Damen stehen mit ihren Einkaufswägelchen lange vor Ladenöffnung an den Rollgittern, betagte Herren setzen sich nach Betreten des Geschäfts erst einmal für ein Schwätzchen breit auf einen Stuhl. Keine Spur von den Trend-Twens, die auf der Internetseite strahlend mit der Fernbedienung spielen.

Boxclever ist ein Unternehmen, dem die Kunden buchstäblich wegsterben - ein Dinosaurier, der letzte Vertreter seiner Art. Noch in den 70er-Jahren tummelte sich ein gutes Dutzend Anbieter am Markt. Von vier Briten konnten sich drei einen Fernseher nur zur Miete leisten. Dramatische Produktivitätsschübe und Innovationen verwandelten die Geräte jedoch von Luxusgütern zu Massenartikeln. Je tiefer die Preise fielen, desto mehr Verleiher gingen ein. Heute werden von den jährlich rund sechs Millionen neuen Fernsehern des Königreichs wohl nicht einmal 250 000 vermietet. Boxclever hält zwar gut 90 Prozent des Marktes. Doch das Geschäft schrumpft weiter.

Aus dem Umfeld des zweiten Boxclever-Eigentümers Terra Firma heißt es, "der Verfall der Einnahmen habe sich in den vergangenen Jahren deutlich beschleunigt". Doch nicht einmal das kommt für Branchenexperten überraschend. Matthew Gibbs, Experte für Konsumelektronik bei der britischen Tochter der Gesellschaft für Konsumgüterforschung (GfK), hat den beschleunigten Abstieg lange vorhergesehen. Er sagt, dass sich "dieser Trend schon seit mehreren Jahren abzeichnet". Mit anderen Worten: Jemand, der sich ausreichend informiert hätte, hätte nicht so optimistisch kalkuliert.

Die Berechnungen hatten auch die Wirtschaftsprüfer gewundert. Ernst & Young schreibt über die optimistische Berechnung der Bankerin: "Der hohe Goodwill ist für ein Geschäftsmodell in einem nachweislich schrumpfenden Marktsegment (. . .) bemerkenswert." Boxclever veranschlagt den Goodwill, also den beim Kauf gezahlten Aufpreis auf den eigentlichen Unternehmenswert, auf satte 729 Millionen Pfund.

Die meisten Banken und Investoren, an die Saunders die WestLB - Kredite ursprünglich weiterverkaufen wollte, witterten die möglichen Probleme schnell. Nur für 332,1 Millionen Euro stehen inzwischen andere Kreditgeber gerade. Die restliche Milliarde blieb bei der WestLB.

Robin Saunders antwortet auf Fragen des Handelsblatts nicht. Auch Boxclever selbst und Granada sagen kein Wort, "solange nicht die Restrukturierung der Boxclever-Schulden abgeschlossen ist".

Die Verantwortung für das missglückte Kreditengagement trägt zwar der WestLB-Vorstand in Düsseldorf. Allerdings wusste das damals noch von Friedel Neuber geführte Gremium während der Anbahnungsphase 1999 wenig über die damit verbundenen Risiken. "Saunders verfügte eindeutig über Herrschaftswissen", sagen Insider rückblickend. Auf dieses Wissen kann die angeschlagene WestLB bis heute nicht verzichten. Allein deshalb arbeitet die Amerikanerin weiter an der Umstrukturierung des Londoner Investment-Banking-Geschäfts der Bank mit - allerdings ohne Entscheidungsbefugnis. "Das Konzept soll bis Ende August stehen", sagte der neue WestLB-Chef Johannes Ringel jüngst.

Robin Saunders kämpft derweil um ihre Reputation. "Sie ist Profi genug, um gute Miene zum bösen Spiel zu machen", berichten Insider. Noch sei unklar, ob ihr die britische Finanzaufsicht FSA die Zulassung entziehen werde. Die Behörde untersucht derzeit die Vorgänge um Robin Saunders und Boxclever.

Saunders? neuer Vorgesetzter ist seit vier Wochen Manfred Puffer. Der WestLB-Vorstand hat von dem inzwischen zurückgetretenen Andreas Seibert die Aufgabe übernommen, bei Boxclever aufzuräumen. Puffer pendelt derzeit zwischen Düsseldorf und London. Ein Stillhalteabkommen mit den anderen Kreditgebern hat er bereits arrangiert. Jetzt muss der Wiener die Restrukturierung von Boxclever meistern.

Die WestLB versucht alles, um eine frühzeitige Insolvenz des Fernsehverleihers zu verhindern. "Oberstes Ziel ist es, Boxclever so lange wie möglich zu erhalten", betonte Vorstandschef Ringel wiederholt. Drei bis fünf Jahre müsse das Unternehmen überstehen, damit die jetzige Kalkulation der WestLB aufgehe. Derzeit versucht die WestLB, Investoren von einem Einstieg bei Boxclever zu überzeugen. Denkbar seien etwa Firmen, die die 170 Läden mitnutzen könnten. "Erste Kontakte mit möglichen Investoren hat es bereits gegeben", heißt es in WestLB-Kreisen.

Von der Boxclever-Filiale im Londoner Südwesten sind solche Pläne noch weit entfernt. Die freundliche Angestellte im geblümten Kleid hat noch nie etwas von einer WestLB gehört. Auch von finanziellen Problemen ihres eigenen Hauses weiß sie nichts. "Wir sind doch ein etabliertes Unternehmen."

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