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Finanzierung mit variablen Zinsen

Wer seine Immobilie zu variablen Zinsen finanziert oder schon abbezahlt hat, sollte seine Unterlagen hervorholen. Eine Überprüfung könnte sich lohnen.

Hans Schiemangk hatte nach der Wende Glück. Er bekam 1991 sein Elternhaus im südbrandenburgischen Elsterwerda zurück. Um das Anwesen zu modernisieren, nahm der Informatikprofessor Anfang 1992 mehrere Darlehen bei der Kreissparkasse Bad Liebenwerda auf, die mittlerweile als Sparkasse Elbe-Elster firmiert. Weil Baugeld damals mit rund zehn Prozent recht teuer war, finanzierte Schiemangk rund 200 000 Mark mit einem variabel verzinsten Darlehen. Damit verbilligt sich der Kredit, wenn das Zinsniveau sinkt. Andererseits steigt die Belastung auch im umgekehrten Fall.

Die Spekulation des Professors ging auf: Bis 1994 sanken die Hypothekenzinsen auf rund 7,6 Prozent und gaben nach einem Zwischenhoch weiter nach. Zehn Prozent jedenfalls mussten nie mehr für Baugeld gezahlt werden.

Wann sind Kredite zu variablen Zinsen attraktiv?

Alarmiert durch Berichte in Wirtschaftspublikationen, fragte der heute 52-Jährige mehrmals bei seiner Sparkasse nach, inwieweit sein Darlehen an die fallenden Zinsen angepasst worden sei. "Ich bekam nur blöde Antworten", sagt der Wissenschaftler. Die Bank habe argumentiert, die Zinsanpassung liege im Ermessen der Bank, und anderslautende Urteile könnten nicht verallgemeinert werden.

Für den Wissenschaftler war mittlerweile klar: Stiegen die Zinsen, erhöhte das Institut schnell; fielen die Zinsen, folgte die Anpassung nur schleppend oder gar nicht. Nach langem fruchtlosen Einzelkampf mit seiner Hausbank schaltete er Anwalt und Gutachter ein. "Auf das erste Schreiben der Anwälte hat die Sparkasse noch genauso reagiert wie auf meine Briefe", erzählt Schiemangk. "Doch dann haben die irgendwie gemerkt, dass es ernst wird und haben alles nachgezahlt." Die Sparkasse überwies rund 10 000 Mark zu viel kassierter Zinsen.

Nachrechnen und Beharrlichkeit zahlen sich bei variabel verzinsten Darlehen also aus, wie auch die Verbraucherschützer beipflichten. Die Verbraucherzentrale Hamburg hat aus 78 ihr vorliegenden Fällen errechnet, dass die Banken bei Variokrediten erheblich zu viel abkassieren: Pro 100 000 Mark Darlehenssumme im Schnitt rund 7 850 Mark. "Noch immer schlummern nach unseren Schätzungen viele Millionen Rückforderungsbeträge in den Schubladen der Immobilienbesitzer", erklärt die Hamburger Zentrale. Bei einem angenommenen Vario-Kreditvolumen von rund 45 Milliarden Mark käme demnach eine Summe von rund 3,5 Milliarden Mark zusammen, um die sich die Kreditinstitute an ihren Kunden bereicherten. Angesichts der Erfahrungen verwundert es Stefan Bentrop von der Hamburger Verbraucherzentrale, dass die Kreditnehmer so zögerlich mit Rückforderungen seien.

Die Verbraucherzentrale Hamburg (Kirchenallee 22, 20099 Hamburg) bietet Betroffenen an, die Zinsdifferenz zu ermitteln. Der Rechenservice kostet 250 Mark pro Kredit. Das Fazit der Verbraucherschützer lautet: Wer energisch protestiere, müsse nicht einmal vor Gericht ziehen. "Denn in den meisten Fällen zahlen die Kreditinstitute den von uns errechneten Betrag oder wenigstens einen erheblichen Teil davon freiwillig an die Kunden zurück."

Einen kostenlosen Überprüfungsservice bietet der Bundesverband Finanz-Planer (BFP) an. Auch er sieht beträchtliche Ansprüche wegen fehlerhafter Zinsanpassungen. Professor Klaus Wehrt, Gutachter und Berater im BFP, kommt beim Thema Variokredite zum Schluss: "Was frappiert, ist, dass absolute Rechtssicherheit herrscht und viele Kunden trotzdem glauben, dass die Bank einseitig die Zinsen festsetzen kann. Dem ist aber nicht so. Die Bank unterliegt einer absolut strengen Aufsicht durch die Zivilgerichte." Wehrt betont: "Der Spielraum der Banken ist fast gleich null." Die Anpassung variabler Zinsen werde von der Rechtsprechung sehr mechanistisch gesehen. Ausschlaggebend ist danach der erste Zinssatz, der im Vertrag vereinbart worden ist. Diesen vergleichen die Juristen mit einem Richtwert, den die Bundesbank monatlich veröffentlicht - im statistischen Teil ihrer Monatsberichte kann man ihn unter der Rubrik "Hypothekarkredite auf Wohngrundstücke zu Gleitzinsen" finden. Die Gerichte messen dann die Differenz zwischen dem anfangs festgelegten Zins und diesem Richtwert.

Zum Beispiel: Aktuell beträgt der Richtwert 6,84 Prozent. Bank und Kreditnehmer vereinbaren nun einen anfänglichen Variozins von 6,54 Prozent. Dann muss die Bank diese Spanne von 0,3 Prozentpunkten unter dem Richtwert einhalten. "Die Schere kann nicht mehr einseitig zu Gunsten der Bank verändert werden", sagt Wehrt. Wird aber ein Satz über diesem Richtwert vereinbart, darf die Bank den Aufschlag weiter kassieren. Kreditnehmer sollten also auf die Spanne achten, die bei Vertragsabschluss festgelegt wird. Denn die ist Verhandlungssache.

Offen sei allenfalls noch die Frage, in welchen Abständen eine Bank die Zinsen anpassen müsse, meint Finanzfachmann Wehrt. Das Oberlandesgericht Celle habe beispielsweise entschieden, die Sätze seien vierteljährlich zu überprüfen - und anzupassen, wenn sich der Richtwert um mehr als 0,2 Prozentpunkte verändert habe.

Variokreditnehmer sollten ihre Unterlagen überprüfen, auch wenn das Darlehen schon lange abbezahlt ist. "Denn der Erstattungsanspruch kann bis 30 Jahre nach Ende des Kredits geltend gemacht werden", erklärt Wehrt. Und er hat ein Bonbon für gebeutelte Schuldner parat: Die Erstattung wird auch noch verzinst. Allerdings verjährt dieser Anspruch nach vier Jahren.

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Internet-Adressen zu diesem Thema:
www.bundesbank.de
www.bundesverband-finanz-planer.de
www.verbraucherzentrale-hamburg.de.

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