Finanzierung mittelständischer Unternehmen steht vor neuen Herausforderungen
Vor den Kredit hat die Bank das Rating gesetzt

Mit den Auswirkungen der neuen Eigenkapitalrichtlinie, die das Abkommen "Basel II" regelt, haben vor allem mittelständische Unternehmen Probleme. Den meisten Rating-Verfahren fehlt offenbar die notwendige Trennschärfe. Die Besonderheiten der verschiedenen Branchen kommen darin nicht genug zur Geltung.

FRANKFURT/M. Selbst die Gewerkschaften haben das Thema entdeckt: "Rating: Folterinstrument der Banken oder Chance für die Betriebe?" lautete das Thema einer Podiumsdiskussion, das die IG Metall auf das Programm einer Fachtagung "Basel II: Chance oder Risiko für die Arbeitsplätze in mittelständischen Unternehmen" gesetzt hat. In der Tat - genau in diesem Feld bewegen sich gegenwärtig die Gedanken Tausender von deutschen Mittelständlern, die auf die Kreditfinanzierung ihrer Arbeit angewiesen sind. Das Basel II genannte internationale Abkommen führt zu neuen Richtlinien, nach denen Kreditnehmer künftig in Risikoklassen (Ratings) eingestuft werden und die Kreditkosten entsprechend ihrer Bonität berechnet werden.

Vor allem Unternehmer aus den Branchen Maschinenbau, Elektroindustrie oder Chemie befürchten, dass es speziell im nächsten Aufschwung eng für sie werden könnte. Denn dann gilt es, den wieder anschwellenden Auftragsstrom über die betrieblichen Durchlaufzeiten hinweg vorzufinanzieren, bis die ersten Rechnungen geschrieben und die ersten Zahlungen eingegangen sind. Denn in dieser Phase ist es regelmäßig um die Liquidität der Unternehmen kritisch bestellt. Und die Pleiten häufen sich nicht wegen des schwachen Geschäfts, sondern wegen der Finanzierungsprobleme.

Zwischen den Krediten alten Zuschnitts, die zumeist auf der Basis von Vertrauen und persönlicher Kenntnis von der Hausbank kamen, und den neuen Finanzierungsvarianten, die hohe Transparenz erfordern werden, fürchtet VDMA-Chef-Betriebswirt Josef Trischler "ein schwarzes Loch, in das viele der kleinen und mittleren Unternehmen hineinfallen werden".

Banken nutzen Rating als Vorwand

Das müsste nicht sein. Doch VDMA-Präsident Dieter Klingelnberg, selbst Chef eines Familienunternehmens, beobachtet Folgendes: "Immer mehr Meldungen aus dem Kreis der Mitgliedsunternehmen deuten darauf hin, dass derzeit unter dem Vorwand des Ratings eine Vielzahl von Banken - und zwar Institute aller Gruppierungen - versuchen, sich aus Kreditengagements zu verabschieden. Sie verweigern notwendige Erhöhungen von Kreditlinien oder die Unterstützung bei der Durchleitung von Krediten der staatlichen Förderbanken."

"Die Fälle, in denen Kreditinstitute ihre Linien fällig stellen und damit unternehmensbedrohende Krisen auslösen, häufen sich," berichtet Klingelnberg und stellt folgende Diagnose: "Offensichtlich grassiert im Bankenbereich die Angst, man habe das Kreditgeschäft nicht mehr im Griff." Dafür soll künftig das Instrument des Ratings, der systematischen Bonitätsprüfung, sorgen. Den großen börsennotierten Gesellschaften ist es längst bekannt - internationale Rating-Agenturen begleiten jeden ihrer Schritte, verfolgen penibel die Auswirkungen unternehmerischer Aktionen (Übernahmen, Produktankündigungen, Strukturmaßnahmen) auf die Fähigkeit, Kredite und Anleihen zu bedienen.

Für diesen Service, der gar nicht immer zu ihren Gunsten ausfällt, bezahlen die Konzerne erhebliche Summen. Dies aber kann sich der Mittelstand nicht leisten. Und auch sonst sind noch etliche Probleme zu lösen. Ein Problem liegt bei den Mittelständlern selbst: "Mit dem Rating werden Familienunternehmen zur Transparenz verpflichtet, die schon von ihrer Rechtsform her bislang nicht an die offene Kommunikation gewöhnt sind", weist Trischler auf ein mentales Problem hin.

Viele Mittelständler passen nichts ins Rating-Raster

Andere Schwierigkeiten liegen im Bewertungsverfahren selbst. Viele mittelständische Unternehmer befürchten, dass ihre besonderen Qualitäten im Rating gar nicht zur Geltung kommen. Denn die meisten von ihnen passen in keins der gängigen Raster. Da gibt es beispielsweise Weltmarktführer mit 300 Mitarbeitern, Spezialitätenhersteller ohne jede Konkurrenz oder die Produzenten von Spitzentechnik mit 50 Millionen Euro Umsatz.

Karsten Füser von der Wirtschaftsprüfung Ernst & Young DAT, der im Auftrag der VDMA-Stiftung Impulse eine Studie über die realen und erwünschten Kriterien des Ratings von Maschinenbauunternehmen verfasst hat, gibt zu bedenken: "Die Rating-Verfahren haben nicht die Trennschärfe, die man von ihnen erwartet. Die Heterogenität des Maschinenbaus kommt darin nicht zur Geltung."

Wie sehr das Rating an den Eigenheiten der Branche vorbeigehen kann, illustriert VDMA-Präsident Klingelnberg an einem Beispiel: "Bei einigen Banken gibt es Rating-Modelle, in denen eine hohe Forschungs- und Entwicklungskosten-Quote zu einer negativen Bewertung führt. Das zeigt, dass einige Institute nicht verstanden haben, worum es in dieser Industrie geht."

Kritik an Banken wächst

Studienautor Füsing hat allerdings den Eindruck, dass die Banken noch dabei sind, Basel-II-konforme Rating-Ansätze zu entwickeln. Offenbar machen sie aus ihren Modellen noch Betriebsgeheimnisse. 270 Fragebogen hat die Arbeitsgruppe versandt - nur elf kamen zurück.

Klingelnberg wundert sich über die Banken: "Die verlangen eine enorme Transparenz, sind aber ihrerseits nicht bereit, mit offenen Karten zu spielen. Auch wir halten eine risikoorientierte Zinspolitik der Banken für notwendig. Aber die sollte nach durchschaubaren Verfahren gestaltet werden."

Ein Wechsel zu den Sparkassen und Genossenschaftsbanken wäre für die Mittelständler keine Lösung: "Der Maschinenbau exportiert im Schnitt rund zwei Drittel seiner Produktion. Das heißt: Wir brauchen die Exportfinanzierung und damit das Auslands-Know-how der Großbanken. Die Ausstellung von Akkreditiven und das Angebot anderer Finanzierungsformen wie Leasing- und Projektfinanzierungen erfordern Banken mit leistungsstarken Auslandsabteilungen."

Quelle: Handelsblatt

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