Finanzierung über höhere Neuverschuldung
Bahn übernimmt Stinnes

Die Deutsche Bahn will im europäischen Güterverkehr als kompletter Logistikanbieter eine erste Adresse sein. Das bundeseigene Unternehmen will dazu den international agierenden Logistikkonzern Stinnes mit dessen Tochter Schenker für 2,5 Milliarden Euro vollständig übernehmen.

dpa/Reuters BERLIN. Der Bahnaufsichtsrat billigte am Mittwoch in Berlin ein entsprechendes Angebot von 32,75 Euro pro Aktie für die Übernahme der E.On-Tochter. Bahnchef Hartmut Mehdorn nannte den Erwerb von Stinnes einen "Sprung in eine neue Zukunft im Güterverkehr und eine Weichenstellung für das 21. Jahrhundert". Für die Öffnung des europäischen Güterverkehrsmarktes per Schiene im Jahr 2003 sei die Deutsche Bahn damit gerüstet.

Schenker gehörte bereits bis 1991 der Bahn, wurde dann aber an Stinnes verkauft. Aus Sicht von Mehdorn war dies seinerzeit ein Fehler. Man erwerbe Schenker jetzt mit Stinnes aber besser aufgestellt zurück, als man das Unternehmen vor Jahren abgegeben habe. Der Aufbau einer eigenen Logistikkette mit direktem Kundenzugang hätte Zeit und Ressourcen gekostet. Mit Stinnes sei man den Wettbewerbern auch im Bahnbereich voraus.

Für die Stinnes-Beteiligung werde E.On rund 1,6 Milliarden Euro erlösen. In der Summe sei ein Buchgewinn von rund 600 Millionen Euro enthalten, teilte der größte private europäische Energiekonzern weiter mit. Die Bahn will die Übernahme zum Teil aus vorhandener Liquidität sowie über die Ausgabe von Finanzanleihen finanzieren.

Stinnes, an der E.On mit rund 65 Prozent beteiligt ist, setzte zuletzt mit 42 000 Beschäftigten zwölf Milliarden Euro um und erzielte einen Gewinn von 150 Millionen Euro. Der mit Verlusten kämpfende Bahnkonzern erzielte mit 211 000 Mitarbeitern einen Umsatz von 15,7 Milliarden Euro.

Mit der Übernahme der Stinnes-Tochter Schenker kann die Bahn künftig Gütertransporte von Werkstor zu Werkstor anbieten und zu einem der führenden europäischen Logistik-Unternehmen werden. Schon mit den Spekulationen über die bevorstehende Übernahme hatten einige Branchenkenner geäußert, die Bahn sei nur an der Spedition Schenker interessiert. Schenker erzielt rund die Hälfte des Stinnes-Umsatzes von gut zwölf Milliarden Euro. Schenker ist im zersplitterten deutschen Logistikmarkt zusammen mit der Post-Tochter Danzas eines der stärksten Unternehmen und gilt unter Branchenkennern als Marktführer in Europa nach der Danzas.

Namen sollen erhalten bleiben

Der Name Stinnes und Schenker soll nach Angaben der Bahn erhalten bleiben. Allerdings sollen die Chemie und die Werkstoffsparte verkauft werden. Analysten hatten in den vergangenen Tagen erwartet, dass die dritte Konzernsäule, die hochprofitable Chemielogistik unter der Dachgesellschaft Brenntag, vorerst bei der Bahn bleiben würde. Als mögliche Optionen hatten die Branchenkenner entweder einen Börsengang von Brenntag oder den Verkauf an einen Finanzinvestor diskutiert.

Die Bahn erwartet unternehmensnahen Kreisen zufolge aus dem Verkauf der Werkstoffsparte Einnahmen von 700 bis 800 Millionen Euro. Es liefen bereits Gespräche, ein Käufer stehe aber noch nicht fest, hieß es. Dieser Stinnes-Bereich, der den Handel mit Stahlprodukten und Rohstoffen umfasst, hatte zuletzt mit Problemen zu kämpfen. Als möglicher Interessent war in Medienberichten der Salzgitter-Konzern genannt worden.

Nach Angaben von Finanzvorstand Diethelm Sack wird die Übernahme möglichst aller Aktien der im MDax notierten Stinnes AG angestrebt. Das Angebot von 32,75 Euro je Aktie enthalte eine Prämie von 24,5 Prozent bezogen auf den Börsenschlusskurs vom 26. Juni, als die Spekulationen über den Stinneserwerb zunahmen. Zudem liege der Preis um 18 Prozent über dem Durchschnittskurs der vergangenen drei Monate.

Es sei zu erwarten, dass bis Ende September alle Aktionäre das Angebot annehmen und auch die kartell- sowie haushaltsrechtlichen Voraussetzungen erfüllt seien. Einschließlich des angestrebten Verkaufs der Chemie- und Werkstoffsparte könnte der gesamte Deal bis Ende 2003 abgewickelt sein, hieß es.

Nachfrage nach gebündelten Paketen

Der für den Güterverkehr zuständige Bahnvorstand Bernd Malmström, der früher selbst Stinnes-Vorstand war und seinerzeit Schenker von der Bahn erworben hatte, begründete den Erwerb mit der Nachfrage von Cargo-Kunden. Künftig würden Verkehre im Paket ausgeschrieben. Bisher habe noch keine Bahn ein internationales Vertriebsnetz. Würde die Bahn sich auf bloße Transportleistungen beschränken, würde sie den Kontakt zum Endkunden verlieren und zum Subunternehmer degradiert.

Zur Struktur hieß es, unterhalb einer neuen Führungsgesellschaft Stinnes werde das Logistik- und Transportgeschäft sowie die drei Cargo-Unternehmen der Bahn und Schenker als Tochterunternehmen geführt. Eine Fusion zwischen dem Cargo-Unternehmen und Stinnes sei nicht geplant.

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