Finanzierungskonzepte auf dem Prüfstand
Internet-Branche hat keine Visionen mehr

Der Patient ist schwer krank: Ein paar Gliedmaßen mussten bereits amputiert werden, jetzt leidet vor allem die Psyche. Diese Diagnose könnte derzeit zu Lage der deutschen Internet-Szene passen.

dpa STUTTGART. "Jedes Jahr haben wir eine neue Sau durchs Dorf getrieben", erinnert sich der Geschäftsführer des Deutschen Multimedia Verbands, Alexander Felsenberg. Wenn Manager und Experten von diesem Mittwoch an auf dem Deutschen Multimedia Kongress zum Internet-Gipfeltreffen in Stuttgart zusammenkommen, sollen keine neuen Revolutionen, sondern endlich die real existierenden Technologien im Mittelpunkt stehen.

Um die eigenen Nerven zu beruhigen und neue Hoffnung zu schöpfen, haben sich die Multimedia-Jünger sogar metaphysischen Beistand gesichert: Der Philosoph Peter Sloterdijk erklärte sich bereit, als Gastredner auf dem Kongress seine Gedanken zur "Anthropologie der neuen Medien" beizusteuern. Ein mögliches Thema seines Vortrags könnte die Tatsache sein, dass sich zu einer der beliebtesten Internet-Angebote ausgerechnet die Seite dotcomtod.com entwickelt hat. Deren Erfinderin, eine Berlinerin namens Lanu, sammelt die Wehklagen von Mitarbeitern aus kränkelnden Start-Ups und weigert sich dennoch, pauschal von einer Internet-Krise zu sprechen. "Das Hochjubeln, das unkritische Zitieren, das gegenseitige Belügen, der Rausch - das alles ist in der Krise", meint Lanu.

Tatsächlich setzen immer mehr Unternehmen auf Online-Lösungen und vernetzen ihre Geschäftsprozesse über das Internet. Die überlebenden Dotcoms sammeln Produkte und Mobiliar der Pleite gegangenen Firmen ein. Auf den Prüfstand kommen alle Geschäftsmodelle, die sich keine krisenfesten Einkommensquellen sichern können. Weil die Einnahmen aus Online-Werbung bisher enttäuschten, sollen Inhalte im Internet künftig nicht länger gratis angeboten werden. "If you can't bill it, kill it" (Wenn Du es nicht berechnen kannst, töte es) lautet der neue Leitspruch der Branche.

Das mobile Internet, also das kostenpflichtige Herunterladen von Informationen per Handy, soll mit Hilfe der schnellen Mobilfunkstandards GPRS und UMTS die Richtung für das Geschäft im weltweiten Datennetz vorgeben.

Vom Enthusiasmus früherer Jahre war schon auf dem Multimedia- Kongress 2001 nicht mehr viel zu spüren. Allerdings ist die Seifenoper Internet seither erst richtig in Schwung gekommen. Zu zweifelhafter Berühmtheit brachte es etwa der Internet-Investor Kim Schmitz alias "Dr. Kimble". Der für seinen luxuriösen Lebensstil bekannte Ex-Hacker wurde im Januar in Thailand verhaftet und muss sich nun wegen Insiderhandels und anderer Vorwürfe vor einem deutschen Gericht verantworten.

Peter Kabel, früher ein ehrfürchtig bestaunter Kongress-Stargast, und sein Unternehmen Kabel New Media strichen im Sommer die Segel, selbst Kabels Designer-Schreibtisch kam dabei unter den Hammer. Die Stuttgarter Internet-Softwareschmiede Brokat scheiterte an ihrem aggressiven Expansionskurs - die von den Produkten des Unternehmens überzeugten Kleinaktionäre guckten in die Röhre. Auf dem Multimedia- Kongress sollen die entlassenen Mitarbeiter aus solchen Unternehmen aber trotzdem nicht fehlen: Die Veranstalter gewähren ihnen und anderen arbeitslosen Internet-Spezialisten einen Rabatt auf die Teilnehmergebühr.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%