Finanzkraft unbestritten
Im TV-Geschäft ist die WAZ-Gruppe noch keine Macht

Außerhalb des Ruhrgebiets ist die Essener WAZ-Gruppe kaum als großer Spieler in der deutschen Medienlandschaft bekannt. Doch sollte der stille Riese aus dem Revier in einem Konsortium unter Führung der Commerzbank die insolvente Fernsehgesellschaft Kirch-Media übernehmen, stünde die WAZ-Gruppe im deutschen TV-Geschäft fast auf Augenhöhe mit dem Bertelsmann-Konzern.

rtr ESSEN. Den großen Einstieg in das Fernsehgeschäft kommentiert die WAZ-Gruppe bislang zurückhaltend. "Es gibt Verhandlungen mit der Commerzbank und Columbia", bestätigte ein Sprecher. Der Konsortialvertrag soll nach den Worten von Commerzbank-Vorstand Wolfgang Hartmann voraussichtlich in der kommenden Woche unterzeichnet werden. Die neue Kirch-Media soll nach den Plänen des Konsortiums als Aktiengesellschaft gegründet werden, um sie mittelfristig an die Börse zu bringen.

Mit einem Einstieg bei Kirch-Media, die die Mehrheit an der Senderfamilie ProSiebenSat.1 hält, würde die WAZ-Gruppe auch im Fernsehgeschäft in einem Atemzug mit den Großen der Branche genannt werden müssen. Bislang sind die Essener anders als Bertelsmann im Fernsehgeschäft kaum engagiert. Über ihre Pläne in diesem Markt hat sich die allgemein als medienscheu bekannte Gruppe nie geäußert. Zur Zeit hält sie indirekt einen Minderheitsanteil am Fernsehsender RTL Group von 7,4 %. Dieser Anteil steht bei einem KirchMedia-Engagement möglicherweise zur Disposition. Zudem ist die WAZ-Gruppe beim regionalen Privatfernsehen "tv.nrw" mit 30 % beteiligt. Bertelsmann ist weltweit der fünftgrößte Medienkonzern und kontrolliert die RTL Group.

Finanzkraft der WAZ in der Branche unbestritten

So wenig bekannt die WAZ-Gruppe in der Öffentlichkeit ist, ihre Finanzkraft ist in der Branche unbestritten: "Die kennt zwar keiner, aber wenn man die Gewinnrate nimmt, ist das sicher das bestverdienende deutsche Medienunternehmen," sagt der frühere RTL-Chef Helmut Thoma, der die WAZ in den 80er Jahren als Investor an Bord des Bertelsmann-Senders holte. "Wenn es jemanden gibt, der einen Kirch-Einstieg relativ leicht finanzieren kann, dann die." Den RTL-Einstieg habe sie damals weniger als zehn Mill. DM gekostet. "Der Anteil ist heute ja hunderte von Mill. ? wert", sagte Thoma.

Schon jetzt ist die WAZ-Gruppe mit Titeln wie "Westdeutsche Allgemeine Zeitung" und der österreichischen "Kronen-Zeitung" einer der größten deutschen Verlage und erzielte 2001 einen Umsatz von rund 1,9 Mrd. ?. Mit rund 12 000 Mitarbeitern gibt sie 54 Printtitel in Deutschland, Österreich, und mehreren osteuropäischen Staaten heraus. In Berlin, München oder Freiburg wird der WAZ-Konzern bislang kaum zur Kenntnis genommen. Im Ruhrgebiet mit einer traditionell SPD-orientierten Leserschaft gilt die WAZ-Gruppe jedoch als der dominierende Zeitungskonzern. Dort erreicht die Gruppe nach Angaben eines Sprechers eine tägliche Auflage von 1,3 Mill. Zeitungen.

WAZ von zwei Familienstämmen dominiert

Dass sich die Gruppe im Zeitungsgeschäft bisher insbesondere nach Südost-Europa ausweitet, ist nicht verwunderlich. Schließlich ist diese Region das Spezialgebiet des früheren Kanzleramtsministers und EU-Koordinators Bodo Hombach (SPD). Seit dem 1. Februar dieses Jahres ist Hombach einer von vier Geschäftsführern des Familienunternehmens.

Die Geburtsstunde des Konzerns schlug April 1948 mit der Herausgabe der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" vom Sozialdemokraten Erich Brost und dem Konservativen Jakob Funke. Hombach und Geschäftsführer Erich Schumann vertreten im WAZ-Konzern die Brost-Gruppe. Auf der Funke-Seite stehen als Geschäftsführer Lutz Glandt und Detlef Haaks.

Der frühere Rechtsanwalt Schuman, der Willy Brandt vertrat, ist seit 1978 strategischer Kopf des Brost-Lagers. 1985 adoptierte ihn der inzwischen verstorbene Erich Brost, nachdem dieser den eigenen Sohn Martin ausgezahlt hatte. Schumann hält 20 % der WAZ-Anteile. Ins Rampenlicht geriet Schumann, als er vor eineinhalb Jahren aus der SPD ausgeschlossen wurde, weil er der von der Spendenaffäre gebeutelten CDU bei der Sammelaktion von Altkanzler Helmut Kohl 800 000 DM spendete.

Zur wirtschaftlichen Lage äußert sich der WAZ-Konzern traditionell nicht. In den vergangenen Jahren hieß es immer wieder, die Renditen seien zweistellig ausgefallen. Im November 2001 kündigte Geschäftsführer Schumann ein Sparprogramm an, das im Februar 2002 konkretisiert wurde. So will die Gruppe wegen der schwierigen Entwicklung im Anzeigengeschäft die Kosten im Konzern um zehn Prozent senken.

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