Finanzkrise
Die Brandstifter rufen Feuer

Jede Krise braucht ihre Sündenböcke. Die Finanzkrise hat sie schon auserkoren: die Banker. Sie werden wechselweise als „Bankster“ (Bild-Zeitung) oder „Raubtiere“ (Tagesthemen) diffamiert. Gegen die Sündenböcke wird zur rhetorischen Hetzjagd geblasen, und dabei scheut man vor Anleihen aus den dreißiger Jahren nicht zurück.
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Jede Krise braucht ihre Sündenböcke. Die Finanzkrise hat sie schon auserkoren: die Banker. Sie werden wechselweise als „Bankster“ (Bild-Zeitung) oder „Raubtiere“ (Tagesthemen) diffamiert. Gegen die Sündenböcke wird zur rhetorischen Hetzjagd geblasen, und dabei scheut man vor Anleihen aus den dreißiger Jahren nicht zurück. Selbst die Tier-Metaphern der Nazis, ihr Großkapital- und Globalisierungshass, ihre Vokabeln wie „Zinsknechtschhaft“, „Kredit-Geschacher“, „Börsenräuber“ sind wieder komod. Von den „gierigen New Yorker Investmentratten“ zum „Geldjuden“ scheint es nur noch ein kleiner Schritt.

Immer wenn aber die Öffentlichkeit sich derart an Sündenböcken vergreift, liegt der Verdacht nahe, dass man gerne größere und eigene Probleme verschleiern will. Die aktuelle Finanzkrise hat nämlich tiefere Ursachen als das – gewiss vorhandene – Fehlverhalten einzelner Banker. Es geht um eine echte Überschuldungskrise, an denen viele Teil haben, vor allem auch diejenigen, die jetzt so laut die Sündenböcke brandmarken.

Denn die Ursache dieser Krise liegt nicht in wilden Optionsgeschäften, raffinierten Börsenderivaten oder unseriösen Unternehmensübernahmen von Heuschrecken-Fonds. Es geht um die altmodischste Form des Geldgeschäfts überhaupt: Immobilien- und Staatskredite. Und davon gibt es einfach viel zu viele auf der Welt. Wenn heute Hausbesitzer und Politiker die Banker beschuldigen, dann ist das so, als ob ein Drogensüchtiger seinen Dealer beschimpft oder ein Brandstifter die Streichholzindustrie fürs Feuer verantwortlich macht. Wenn Staaten Schuldenmilliarden auf Milliardenschulden türmen und suggerieren, es gebe keinen Zahltag dafür, dann spielen sie das globale Schuldenmonopoly an vorderster Stelle selber mit.

Nun gibt es neben der klassischen Ablenkung vor eigenem Fehlverhalten noch andere Motive für das kollektive Sündenbockspiel. Dabei kann man drei Typen beobachten, die derzeit die Szenerie beherrschen. Erstens den verklemmten Linken. Aus ihm bricht es heraus, dass endlich, endlich der Zusammenbruch des Kapitalismus da sei. Marx habe eben doch Recht behalten. Manager seien Raubtiere, der Neoliberalismus so etwas wie ein Faschismus des Geldes, die Gier verschlinge sich selber – keine Metapher kann gewaltig genug sein, um die so lange aufgestauten Frustration der Ewig-Marxisten endlich einmal rauszulassen. Dieser Typus wirkt wie ein Eichhörnchen auf Droge. Es springt völlig wild geworden im Krisenpark umher und sammelt lustvoll taube Nüsschen, die von den Bäumen des Kapitalismus heruntergefallen sind.

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