Finanzkrise
Krisengewinner und Verlierer

Max Frisch wusste es schon vor Jahrzehnten: Jede Krise ist eine fruchtbare Zeit, man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Vor allem diejenigen, die das können, gehören zu den ersten Gewinnern jeder Krise. Nicholas Sarkozy und Gordon Brown zum Beispiel.
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BERLIN. Beide waren politisch schwer angeschlagen, persönlich unbeliebt und auf dem Weg zum Gespött Europas. Der eitle Gockel und der tapsige Brummbär. Einige Wochen Krisenmanagement und beide wirken plötzlich wie stolze Löwen in der weltpolitischen Arena. Sie haben die Bestie des Bankencrashs gebändigt, zupackend und kreativ zugleich. Und es vergeht kein Tag, dass die beiden nicht neue Ideen in die Welt hinausbrüllen und jeder ihnen die Mähne krault.

Nun ist jede Krise ein Geschenk für die Exekutive. Sie zeigt die Staatenlenker im Brennpunkt der Ereignisse, sie lässt die Opposition im Schatten großer Entscheidungen verschwinden und mobilisiert nationale Geschlossenheiten. In einer Krise wird der politische Führer zum Träger kollektiver Hoffnungen. Ob es nun die Elbeflut für Schröder oder die Finanzkrise für Angela Merkel ist - der Schimmelreiter-Effekt lässt alle hinter den Rettern versammeln. Und wenn die Sache glimpflich ausgeht, dann erwachsen aus gewöhnlichen Politikern zeitweilige Helden.

So ergeht es auch Angela Merkel. Sie hatte mit der Bayernwahl und dem Ende der SPD-Beck-Krise eine doppelt ungünstige Situation. Die Umfragewerte bröckelten und in der Union machte sich Unmut über die Vernachlässigung konservativer Positionen breit. Doch die Finanzkrise änderte schlagartig die Konstellation. Plötzlich war Angela Merkel in der Rolle der Drachentöterin. Ihr Krisenmanagement war geschickt und bestimmt zugleich, es verzichtete - anders als bei Sarkozy - auf Schwadroniergehabe und Pathos. Dabei demonstrierte sie doch, dass sie im entscheidenden Moment alle Zügel in der Hand hatte und das richtige zum richtigen Zeitpunkt tat. Merkels Kanzlerschaft war bis zu diesem Zeitpunkt eine Schönwetterveranstaltung, ein seichtes Surfen im Wind des Zeitgeistes. Nun aber stand sie im Sturm und musste ein Stahlgewitter überstehen. Und sie hat es gut überstanden. Ihre Umfragewerte steigen kräftig und sie zählt unbestritten zu den großen Gewinnern der Krise.

Im Schlepptau der Kanzlerin hat auch Peer Steinbrück seine diffuse Regierungsbilanz klar aufgebessert. Auch ihm schien das politische Schicksal bis vor wenigen Monaten nicht gewogen. Er wirkte als konservativer Sozialdemokrat in der Linksrutsch-SPD isoliert, machte sich durch sein freimütiges Mundwerk immer wieder Feinde und wirkte wie auf der Zielgeraden seiner Karriere. Plötzlich wurde er über Wochen hinweg zur gefühlten Nummer 1 der Sozialdemokratie. Die SPD hatte gerade einen Kanzlerkandidaten ernannt und einen neuen Parteichef gleich dazu, doch zu sehen war nur der hanseatische Bankenzuchtmeister.

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