Finanzmärkte
Analyse: Eigene Dynamik

"Wenn der Krieg zu Ende geht, ziehen Konjunktur, Aktienkurse und der Dollar wieder an." Darin waren sich Finanzmarktexperten einig. An den Börsen ging die Rechnung tatsächlich auf. Seit dem Tief im März legte der Deutsche Aktienindex über 30 Prozent zu. Doch die Wirtschaft stottert noch immer, und der Dollar verliert gegenüber dem Euro weiter an Wert. Während Aktionäre schon lange eine wirtschaftliche Durststrecke einkalkulieren und die Börsen frühzeitig tief gefallen sind, richten sich die Devisenmärkte erst jetzt auf eine anhaltend schwache US-Konjunktur ein.

Schwerer als die enttäuschende Wirtschaftsentwicklung in Euro-Land und insbesondere in Deutschland - hier sind die Erwartungen ohnehin gering - wiegen die neuerlich schlechten Daten aus den USA. Rückläufige Bauausgaben, negative Perspektiven der Einkaufsmanager, Einbrüche bei den Auto-Absatzzahlen und höhere Arbeitslosenzahlen belegen, dass die Wirtschaft stagniert und nicht als Lokomotive für die Weltwirtschaft taugt. Relativ gute Quartalsbilanzen vieler Konzerne ändern nichts an den Grundproblemen wie Überproduktion, Preisverfall und Nachfrageschwäche infolge hoher Verschuldung der Unternehmen und Verbraucher.

Den Börsen droht trotz dieser Ungleichgewichte in den USA und der Strukturprobleme in Europa kein neues und schweres Ungemach. Denn die meisten Investoren sind auf die schlechte Ausgangslage vorbereitet. Das zeigen der rasante Kursverfall in den letzten drei Jahren mit der schwersten Baisse seit dem Zweiten Weltkrieg und vor allem die extrem niedrige Bewertung von Aktien gegenüber Anleihen. Würden Anleger auf einen Aufschwung setzen, hätten die Börsen längst viel kräftiger als in den letzten sieben Wochen angezogen.

Dagegen hat es die Devisenmärkte jetzt kalt erwischt. Immer mehr Investoren, inklusive der großen Fondsgesellschaften, und Notenbanken schichten ihre Bestände in Euro-Anlagen um. Die USA sind wegen ihrer niedrigen Zinsen bei gleichzeitig hohen Risiken wenig attraktiv. Das hohe US-Leistungsbilanzdefizit, das inzwischen über 5 % des Bruttoinlandsprodukts ausmacht, ist immer schwerer zu finanzieren. Als Ausweg bleibt ein schwächerer Dollar, weil dadurch Importe für die USA teurer und Exporte billiger würden.

Experten taxieren das faire Wechselkursverhältnis zwar auf 1,15 bis 1,20 Dollar pro Euro. Das heißt allerdings nicht, dass der Dollarverfall an dieser Marke Halt machen muss. Einmal in Gang gesetzte Einbrüche entwickeln rasch ihre eigene und unkontrollierte Dynamik, die nur noch schwer aufzuhalten ist. Das hat die Börsen-Baisse gelehrt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%