Finanzmärkte
Analyse: Zeitalter der Zitterbörse

An den Märkten herrscht pure Hektik: Liegen die Aktien gerade noch zwei Prozent im Plus, notieren sie schon bald darauf wieder vier Prozent im Minus, nur um am nächsten Tag wieder mit deutlichen Kursgewinnen in den Handel zu starten. Ähnliches gilt mit umgekehrten Vorzeichen für den Euro und den Ölpreis. Die Kursausschläge an den Märkten für Wertpapiere, Devisen und Rohstoffe sind extrem hoch.

Beispiel Deutscher Aktienindex: Das Messinstrument für die Schwankungsbreite bei heimischen Standardwerten - der VDax - signalisierte vergangene Woche tägliche Schwankungen von rund drei Prozent. Der langjährige Normalwert liegt etwa bei der Hälfte.

Die Nervosität der Akteure liegt natürlich in erster Linie am möglichen Irak-Krieg. Hauptsorge der Anleger ist, dass ein langwieriges Nahost-Abenteuer der USA die konjunkturelle Lage in der Welt und damit auch die Unternehmensgewinne nachhaltig belastet. Mit Kaufaufträgen reagieren Investoren derzeit auf jede Meldung, die eine bewaffnete Auseinandersetzung ein klein wenig unwahrscheinlicher werden lässt oder darauf hindeutet, dass der Krieg zumindest schnell ein Ende findet. Nachrichten über neue Raketenfunde im Irak oder Äußerungen der Kriegsfraktion schicken die Märkte dann wieder in den Keller. Derzeit wäre es wohl angebracht, Blix, Blair, Bush & Co. übermittelten ihre Statements nur noch als Ad-hoc-Nachricht. Denn die politischen Statements beinhalten zumindest momentan ebenso kursbeeinflussende Informationen wie die Quartalsberichte der Unternehmen.

Verstärkt werden die Ausschläge an den Aktienmärkten noch dadurch, dass das Handelsvolumen in vielen Werten eher gering ist. Die große Masse der Anleger hält sich angesichts der unsicheren Lage derzeit an der Börse zurück und ist nicht engagiert. Momentan reichen daher schon relativ kleine An- oder Verkaufsorders aus, um die Kurse zu bewegen.

Gleichzeitig schichten die noch vorhandenen Aktienbesitzer ihre Portfolios immer häufiger um. Verständlich: Mit der alten Kaufen-und-vergessen- Strategie ist schon lange keine Performance mehr zu machen. Ob das heftige Hin-und-Her-Traden zu besseren Ergebnissen führt, sei freilich dahingestellt. Die Folge sind jedenfalls starke Kursausschläge.

Wenig spricht derzeit dafür, dass die Schwankungen an den Börsen demnächst geringer ausfallen werden. Selbst im Falle eines schnell beendeten Irak-Kriegs dominieren die geopolitischen Unsicherheiten: Die latente Gefahr weiterer Terroranschläge, die explosive Lage in Nordkorea und die unklare künftige Weltordnung werden Investoren in Atem halten.

Und selbst wenn nicht mehr die Politik, sondern die Wirtschaft wieder das Geschehen an den Märkten bestimmte: Ruhe würde auch dann nicht einkehren. Schnell würden wieder die diversen hausgemachten Skandale in den Vordergrund rücken: Bilanzfälschungen und unsaubere Managementpraktiken wie bei Enron, Worldcom oder jüngst bei Ahold sind noch längst nicht vergessen, sondern sie werden im Moment nur von der Politik überlagert. Sie tragen jedoch mit dazu bei, dass die Investoren verunsichert sind und daher nur noch kurzfristig handeln. Das Zeitalter der Zitterbörse hat gerade erst begonnen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%