Finanzmärkte rechnen schon im Mai mit höheren Zinsen
US-Notenbank bereitet Zinswende vor

Niemand an der Wall Street rechnet am Dienstag mit einer Änderung der Leitzinsen in den USA. Die Spannung an den Finanzmärkten vor der Sitzung der US-Notenbank (Fed) ist dennoch groß, erwarten viele Marktteilnehmer doch, dass die Fed mit einer neuen Einschätzung zur Lage der US-Wirtschaft eine Runde von Zinserhöhungen ankündigt.

NEW YORK. Zwei Drittel der vom Finanzdienst Bloomberg befragten Ökonomen an der Wall Street gehen davon aus, dass die Fed nicht mehr vor den Risiken für die Konjunktur warnen, sondern eine neutrale Haltung einnehmen wird.

Alan Greenspan hat kürzlich selbst den Wendepunkt für die US-Wirtschaft markiert. "Die wirtschaftliche Erholung ist auf gutem Wege", sagte der Fed-Chairman vor dem US-Kongress. Seitdem hat sich die Konjunktur weiter gefestigt. Die Produktivität stieg in den letzten drei Monaten 2001 mit einer Jahresrate von 5,2, die Arbeitslosigkeit sank im Januar leicht auf 5,5 %, die Industrieproduktion kletterte im Februar um 0,4 % und das Verbrauchervertrauen machte im März einen gewaltigen Sprung nach oben. Viele Investmentbanken haben daraufhin ihre Wachstumsprognosen angehoben. Gestern sagte Bruce Steinberg, Chefökonom bei Merrill Lynch, für das erste Quartal ein Plus zwischen 5 und 6 % voraus.

"Der Abschwung ist vorbei. Die Herausforderung ist jetzt, die Zinsen so zu erhöhen, dass die wirtschaftliche Erholung nicht gefährdet wird", sagt Ex-Fed-Mitglied Alan Blinder. Dies erfordert viel Feingefühl, kann doch ein allzu forsches Anziehen der Zinsschraube den zarten Konjunkturfrühling schnell beenden. Zwar liegt der Leitzins mit 1,75 % noch immer auf dem niedrigsten Niveau seit 40 Jahren. Am langen Ende ist die Zinswende jedoch schon eingetreten. Die Verzinsung von 10-jährigen Staatsanleihen ist in Erwartung baldiger Zinserhöhungen durch die Notenbank in den vergangenen Wochen bereits um einen viertel Prozentpunkt gestiegen. Kredite für Immobilien und Firmeninvestitionen werden also teurer und bremsen so den Aufschwung.

Hinzu kommt, dass die Konjunktur derzeit vor allem vom Lagerzyklus profitiert. Die Unternehmen haben in den vergangenen Monaten ihre Bestände radikal abgebaut und müssen jetzt neu bestellen, um die Nachfrage zu befriedigen. Zudem stützen die US-Verbraucher mit ihrer nahezu ungetrübten Konsumfreude die Wirtschaft. Greenspan hat jedoch betont, dass eine dauerhafte Erholung nur möglich ist, wenn sich auch die Unternehmensgewinne und die Investitionen erholen. Angesichts einer Kapazitätsauslastung von nur 75 % und einer anhaltenden Ertragsschwäche zögern viele Firmen jedoch mit dem Kauf neuer Anlagen. Steve Slifer, Ökonom bei Lehman Brothers, glaubt deshalb, dass die Fed nicht vor September die Leitzinsen erhöhen wird. Zumal die Inflation mit einer Rate von zuletzt 1,1 % keine Gefahr darstellt. John Lipsky, Chefvolkswirt von J.P.Morgan rechnet schon Ende Juni mit der ersten Zinserhöhung. "Die Wirtschaftsdaten haben sich relativ schnell positiv entwickelt. Hinzu kommt, dass die Zweifel über die Dauerhaftigkeit des Aufschwungs schwinden."

Die Wirtschaft bekommt auch von der Fiskalpolitik Rückenwind. Der Kongress verabschiedete kürzlich ein 51 Mrd. $ schweres Konjunkturpaket. Die Leitzinsen sind mit 1,75 % weit von einem wachstumsneutralen Wert entfernt. Fed-Gouverneur Laurence Mayer sieht die neutrale Position erst bei einem Zinssatz von 4,5 % erreicht. Soll der Konjunkturmotor nicht überdrehen, muss die Fed schnell handeln. Die rasanten Zinssenkungen in2001 zeigen, dass die Fed lieber früher als später agiert. Auch Mayer erwartet deshalb schon im Juni höhere Zinsen. Die Finanzmärkte haben die erste Zinserhöhung bereits für Anfang Mai eingepreist und rechnen bis zum Jahresende mit einem Leitzins von 3 %. Voraussetzung für den Vollzug der Zinswende wäre allerdings, dass die Fed schon am Dienstag einen Gang zurückschaltet und eine neutrale Haltung einnimmt.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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