Finanzmärkte schwanken zwischen Konjunkturängsten und Zinshoffnungen
Analyse: Auch Greenspan kann die Gewinnwarnungen nicht stoppen

So gespannt wie Sportbegeisterte ein Endspiel erwarten, genauso gebannt blicken Investoren heute um 16 Uhr auf Alan Greenspan. Dabei sind die inhaltlichen Aussagen des US-Notenbankchefs berechenbarer als ein Fußballspiel.

HB DÜSSELDORF. Vor dem Bankenausschuss des US-Senats wird der 74-Jährige die Bereitschaft zu weiteren Zinssenkungen erkennen lassen, die Risiken einer Konjunkturabschwächung darlegen, doch jede Art von Panikstimmung vermeiden. Greenspans Augenmerk gilt weniger den nächsten Monaten, sondern vielmehr den langfristigen Aussichten: Getrieben durch das Eingreifen der Notenbank und von den Steuersenkungen des neuen US-Präsidenten George W. Bush, habe die Konjunktur beste Voraussetzungen, im zweiten Halbjahr wieder auf den Wachstumspfad einzuschwenken. Zumindest so ähnlich wird die Botschaft an die Abgeordneten sein.

Allein Nuancen wie die Mimik entscheiden, ob die Aktienkurse anschließend herauf- oder heruntergehen. Doch mittelfristig ändert sich die Börsenwelt nach der mit Spannung erwarteten Rede nicht. Alle wichtigen Konjunkturindikatoren aus den USA weisen auch morgen noch nach unten. Angesichts des gigantischen US-Bruttoinlandsprodukts und der engen Unternehmensverflechtungen können sich auch die anderen Industrienationen dem Trend nicht entziehen. Allein in der vergangenen Woche senkten sechs Zentralbanken ihre Leitzinsen aus Sorge vor einer schwachen Wirtschaft.

Doch die Zahl an Gewinnwarnungen wird auch nach Greenspans Auftritt nicht geringer. Bereits im abgelaufenen vierten Quartal haben nur 15 Prozent der börsennotierten US-Firmen positiv überrascht. Doppelt so viel schockierten mit Umsätzen oder Ergebnissen, die unter den Prognosen lagen. Diese Tendenz wird sich fortsetzen. Denn noch immer sind die Erwartungen zu hoch. Die Unternehmen stehen vor dem Problem, sich in den nächsten Monaten mit dem ersten und anschließend mit dem noch stärkeren zweiten Quartal 2000 vergleichen zu müssen.

Erst in der zweiten Jahreshälfte wird die Welle negativer Unternehmensmeldungen abebben. Begünstigend wirken nicht nur die schwächeren Vorjahresquartale, sondern auch die Politik der Notenbank. Neun bis zwölf Monate dauert es gewöhnlich, bis sich Zinssenkungen, wie sie die Fed im Januar vornahm, in den Unternehmenszahlen positiv niederschlagen. Doch ein Gesetz gibt es dafür nicht. Unwägbarkeiten wie beispielsweise die Ölkrise haben 1973/74 eine rasche Erholung der Konjunktur verhindert. Auch derzeit belasten wieder hohe Ölpreise. Ein unerwartetes Anziehen um 25 Prozent im vergangenen Monat schwört Inflationsgefahr herauf. Für die Notenbanken engt sich deshalb der Spielraum für weitere Zinssenkungen ein.

Solange die Börsen keine Signale für ein Ende der Konjunkturtalfahrt empfangen, bleibt die Unsicherheit groß und das Aufwärtspotenzial für Aktien begrenzt. Die letzten Tage haben gezeigt, wie schnell Kursgewinne schmelzen, wenn Sorgen um Unternehmensgewinne gegenüber Zinshoffnungen die Oberhand gewinnen. Doch die Zeit spielt für Greenspan und die Aktionäre. Auf Dauer haben Zinssenkungen in den USA die Konjunktur angekurbelt. Und zeitlich vorangestellt machen niedrige Zinsen die Renditen von Anleihen so unattraktiv, dass Anleger ein höheres Risiko in Kauf nehmen.

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