FINANZMÄRKTE
Verbrechen an der Nasdaq - Die Emulex-Börsenmanipulation

Ein Student hat mit Aktienbetrug fast 250 000 Dollar verdient. Doch das FBI kam ihm auf die Spur. Jetzt drohen der Nachrichtenagentur Bloomberg, die auf eine gefälschte Pressemitteilung hereingefallen war, Schadensersatzklagen geprellter Anleger.

Am vergangenen Donnerstag ging alles blitzschnell. Beamte der Bundespolizei FBI führten einen dunkelhaarigen jungen Mann aus seinem Elternhaus im kalifornischen El Segundo ab. Der 23-jährige Mark Jacob leistete keinen Widerstand. Er wird verdächtigt, eines der schlimmsten Verbrechen begangen zu haben, das die New Economy kennt: Er soll das Internet missbraucht und so Tage zuvor an der elektronischen Börse Nasdaq ein Chaos angerichtet haben.

Was war passiert? Der ehemalige Student hatte eine Pressemitteilung der kalifornischen Emulex Corp. gefälscht. Darin hatte er behauptet, der Ausrüster für Glasfasernetze müsse seine Quartalsergebnisse nach unten revidieren. Die Firma werde wegen Bilanzmanipulationen von der Börsenaufsicht SEC untersucht, weshalb der CEO zurückgetreten sei.

Eingegangen war die gefälschte Unternehmensnachricht bei der Internet Wire Inc. Dieser wenig bekannte Verteilservice für Pressemitteilungen schickte sie umgehend an die renommierten Nachrichtenagenturen Bloomberg und Dow Jones weiter. Und die verbreiteten die Meldung in die ganze Welt. Binnen weniger Minuten brach der Kurs der Aktie um mehr als die Hälfte ein. Damit trat genau das ein, worauf der Student spekuliert hatte.

Angefangen hat die Geschichte am 17. August in der Zockerhauptstadt Las Vegas. Jacob mietet ein Zimmer im Luxushotel Luxor. Von dort aus ordert er zum Preis von 72 bis 92 Dollar pro Stück etwa 3 000 Optionsscheine auf die Firma Emulex Corp., die unter dem Ticker-Symbol EMLX an der Nasdaq gehandelt wird. Jacob rechnet also damit, dass der Wert der Aktie fällt. Eine Woche später hat er fast 100 000 Dollar verloren, denn die Aktie ist auf 113 Dollar gestiegen. Jacob geht das Geld aus, es muss dringend etwas geschehen. Am 25. August, einem Freitag, entschließt er sich zu handeln:

  • 9.30 Uhr Ortszeit in New York. Die Emulex-Aktie beginnt den Handelstag mit einem Kurs von 110,69 Dollar. Dann geht eine kryptische "Presseerklärung" über die Firma auf der Web-Site von Internet Wire ein. Unter der Überschrift "SEC startet Ermittlungen wegen Fehlern in der Buchhaltung. CEO Paul Folino tritt zurück" lesen erschrockene Anleger und Analysten, dass die Firma im vierten Quartal nicht wie erwartet 25 Cent Gewinn, sondern 15 Cent Verlust gemacht habe.
  • 9.46 Uhr: Bei Yahoo-Finance erscheint die Meldung: "EMLX vor Korrektur der Gewinne nach unten." Der Kurs der Emulex-Aktie stürzt ab.
  • Gegen 10 Uhr: Emulex-Chef Paul Folino trifft in seinem Büro in Costa Mesa ein. Als er den Fernseher einschaltet, hallt ihm vom Wirtschaftssender CNBC die Nachricht entgegen: Emulex-Aktien im freien Fall.
  • 10.13 Uhr: Bloomberg veröffentlicht die angebliche Pressemitteilung. Die Aktie wird nur noch für 103 Dollar gehandelt.
  • 10.17 Uhr: James Cramer, bekannter Händler und Kolumnist von TheStreet.com, schreibt bei RealMoney.com: "Emulex ist in den Fängen der SEC. Ich versuche, Put-Optionen zu kaufen, aber der Markt ist schnell." Zu der Zeit kostet Emulex nur noch 86 Dollar.
  • 10.20 Uhr: Doug Pratt, Kapitalmanager bei der kalifornischen Investmentfirma Willow Capital, beklagt sich bei einem Kollegen, dass er nicht rechtzeitig in das Geschäft eingestiegen sei. Später sagt er: "Selbst ein Zyniker wie ich fragt nicht gleich, ob das wirklich wahr ist." Aber bald beginnt er, sich zu wundern. "Was mich stutzig gemacht hat, war, dass die Firma die angeblichen Neuigkeiten nur einer unbedeutenden Agentur gegeben hatte, ohne die Nasdaq zu informieren", erzählt er weiter. "Ich dachte, entweder sind die verrückt, oder es ist nicht wahr." Die Aktie kostet noch 73,13 Dollar.
  • 10.25 Uhr: Bei Emulex stehen die Telefone nicht still. Das Büro des Justiziars der Nasdaq ruft an. Folino selbst versichert dem Börsenaufseher, dass die Presseerklärung weder der Wahrheit entspricht noch von seiner Firma kommt. Sie vereinbaren einen Handelsstopp.
  • 10.29 Uhr: Der Handel der Emulex-Aktie wird ausgesetzt. Der Kurs liegt bei 45 Dollar. Das entspricht einem Verlust von rund 60 Prozent innerhalb von nur sechzehn Minuten, seit die Meldung bei Bloomberg lief.
  • 10.57 Uhr: Dow Jones Newswire zitiert einen Emulex-Sprecher, dass die Presseerklärung eine Fälschung war.
  • 10.58 Uhr: James Cramer schreibt: "Heiliger Strohsack, eine Falschmeldung!"
  • 13.30 Uhr: Der Handel mit Emulex wird zum Kurs von 120 Dollar wieder aufgenommen. Bei Börsenschluss um 16 Uhr liegt der Wert bei 105,75 Dollar.

Kaum hat sich der Kurs der Aktie wieder beruhigt, macht sich das FBI auf die Spur des Fälschers - und findet sie schnell.

Mark Jacob wusste zwar im Detail, wie er das System seines früheren Arbeitgebers Internet Wire austricksen konnte. Er schaffte es aber offenbar nicht, seine elektronischen Spuren gut genug zu verwischen. Ob durch die E-Mails, mit denen er die Presseerklärung verschickte oder durch die Aufzeichnungen über Käufe und Verkäufe von Emulex-Aktien - das FBI wusste schon nach wenigen Tagen, dass der Fälscher in Kalifornien zu Hause ist. Erstaunlich ist, dass den Journalisten nichts aufgefallen war. Die angebliche Presseerklärung war voller Fehler. Sätze liefen ineinander, Worte fehlten oder waren ohne Grund hervorgehoben, die Zahlen schienen willkürlich gewählt.

Das Beispiel Emulex ist nicht der erste Fall, in dem Falschmeldungen über Unternehmen über das Internet verbreitet wurden. Doch meistens wurden die Urheber ebenso schnell entdeckt wie jetzt Student Jacob. Gary Hoke etwa legte im vergangenen Jahr eine falsche Bloomberg-Seite an, auf der er eine Phantasiegeschichte über seinen Arbeitgeber Pair Gain Technologies Inc. verbreitete. Nach einer Woche kamen ihm die Ermittler auf die Schliche. Auch die Angriffe auf Bid.com und Lucent Technologies Inc. wurden schnell aufgeklärt: Im Falle Lucent war es ein Day-Trader aus Texas, bei Bid.com ein 25-Jähriger Chicagoer. Beide hatten sich verraten, weil sie die Meldungen auf dem elektronischen schwarzen Brett von Yahoo hinterlassen hatten.

Bis zu seiner Verhaftung war Mark Jacob um eine Viertel Million Dollar reicher. Jetzt drohen ihm 15 Jahre Gefängnis und 500000 Dollar Strafe. Derzeit ist er noch frei - gegen Zahlung von 100 000 Dollar Kaution. Und auch für Bloomberg könnte es teuer werden: Schon drohen die ersten Schadensersatzklagen geprellter Anleger, weil die Nachrichtenagentur die Presseerklärung nicht sorgfältig genug geprüft habe. Ron Hart aus Florida hat bereits die Anwaltskanzlei Schatz beauftragt, seine Interessen zu vertreten. Der Rentner hatte seine 500 Emulex-Aktien in der Hysterie des 25. Augusts für gut 80 Dollar verkauft und so einen Verlust von 15 000 Dollar gemacht.



T. Ewing und P. Waldman sind Korrespondenten des Wall Street Journals.

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