Finanzmärkte warten auf Wirtschaftsplan der neuen Regierung
Investoren sorgen sich um Brasiliens Inflation

Mit Spannung erwarten die Finanzmärkte auf das Programm der Regierung. Diese kann sich über mangelndes Vertrauen der Investoren bislang nicht beklagen: Aktien, Anleihen und Währung legten nach der Wahl deutlich zu.

SAO PAULO. "Die Märkte warten nach der ersten Euphorie nun auf klare Entscheidungen der neuen Regierung für Finanzen und Wirtschaft", sagt Francisco Petros, Präsident des Analystenverbandes Abamec in São Paulo. Rund einen Monat nach dem Wahlsieg des Linkskandidaten Luiz Inácio Lula da Silva machen sich auf den brasilianischen Finanzmärkten erste Anzeichen von Ernüchterung breit.

Nur teilweise gelang es der Zentralbank letzte Woche, öffentliche Schuldtitel im Wert von 2,5 Mrd. $ auf den Märkten zu platzieren. Die Investoren realisierten an der Börse und den Anleihemärkten erstmals wieder Gewinne. Seit Anfang November hatte sich auf den Finanzmärkten eine überraschende Euphorie breit gemacht, weil Lula und seine engsten Berater direkt nach dem Wahlsieg deutlich machten, dass sie nichts an den grundlegenden Weichenstellungen für Wirtschaft und Finanzen ändern werden. Vor allem Spekulationskapital in Höhe von rund 2 Mrd. $ kehrte nach Brasilien zurück und leitete auf den Finanzmärkten eine Hochphase im November ein. In São Paulo schätz man, dass große nationale Unternehmen und Banken die kurzfristige Stabilität nutzten, um von den hohen Zinsen zu profitieren. Die Folge: Der Dollar verlor 7 % gegenüber dem Real. Der C-Bond, der wichtigste Brady-Bond Brasiliens, legte um 12 % zu, so dass das Länderrisiko in gleicher Höhe sank - zeitweise unter 1600 Punkte. Die Börse stabilisierte sich wieder über 10 000 Punkte und legte seit dem Wahlsieg Lulas um rund 8 % zu.

Arturo Porzecanski von ABN Amro erwartet, dass die Kurse den Dezember durch noch bis Januar weiter steigen - wenn die Regierung ihren Antritt überzeugend gestaltet. Die Analysten achten genau darauf, wie Lula bei seinen Regierungsvorbereitungen vorgeht: "Der Präsident muss jetzt ein technisch und politisch überzeugendes Wirtschafts- und Finanzteam präsentieren, das einen glaubwürdigen markoökonomischen Plan vorstellt", sagt Paulo Leme, Direktor von Goldman Sachs, "denn nur mit einem positiven Vertrauensschock kann die neue Regierung die Inflationserwartungen dämpfen."

Die rasant steigende Geldentwertung besorgt die Finanzmärkte immer mehr: Dieses Jahr liegt die Entwertung für die Konsumenten bereits bei rund 21 %. Das ist der höchste Wert seit 1995, dem Beginn des Wirtschaftsreform Plano Real. Selbst die Zentralbank rechnet für 2003 mit einer Inflation von 10 % - also weit über der zugelassenen Obergrenze von 6,5 % zu der sich Brasilien gegenüber dem IWF verpflichtet hat. Die seit Mai stetig steigende Geldentwertung belastet nicht nur das Finanzsystem: Unternehmen, Konsumenten sowie Lohn- und Gehaltsempfänger stellen sich auf höhere Inflationsraten ein - und schreiben damit die Geldentwertung zunehmend für die gesamte Wirtschaft fest. "Die Erwartungen sind der Anker der Inflationsziele", sagt Leme.

Entsprechend vorsichtig sind die Analysten derzeit mit ihren Aktienempfehlungen - niemand traut sich klare Empfehlungen auszusprechen. "Wir gehen davon aus, dass Lula eine Ausweitung der Produktion in arbeitsintensiven Branchen anstrebt", sagt José Cataldo, Chef der Analyse von Sudameris in São Paulo. Damit sind für ihn besonders Unternehmen interessant aus den Branchen Stahl, Investitionsgüter/Maschinenbau, Textil sowie Papier und Zellulose. "Die Stahlnachfrage wird stärker wachsen als das BIP", erwartet auch Reginaldo Alexandre, Analystenchef der brasilianischen Großbank Itaú.

Die Stahlhersteller Gerdau, Belgo Mineira und auch Duratex als Zulieferer würden von einem Boom in der Bauwirtschaft profitieren. In der Investitionsgüterbranche sind es der Automobilzulieferer Confab, der Elektromotorenhersteller Weg und der Karosseriebauer Marcopolo, für die sich die Investoren interessieren. Mónica Araújo, Analystin von Espírio Santo Sec. sieht erhöhte Risiken bei den Staatskonzernen. Darunter sind Börsenschwergewichte wie Petrobrás (Öl und Gas), Eletrobrás (Energie), aber auch Abwasser (Sabesp). Sie befürchtet, die Regierung Lula könnte die Staatskonzerne stärker kontrollieren: Deren Investitionen würden wieder stärker nach politischen Kriterien erfolgen, statt betriebswirtschaftlich oder technisch. Auch die öffentlichen Tarife könnten für fiskalische (höhere Staatseinnahmen) oder monetäre Ziele (Preisstopp zur Inflationseindämmung) eingesetzt werden.

Quelle: Handelsblatt

Alexander Busch
Alexander Busch
Handelsblatt / Korrespondent Südamerika
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