Finanzminister beraten über schärfere Kontrolle von Wirtschaftsprüfern und Analysten
EU drückt bei Bilanzstandards aufsTempo

Der Enron-Skandal hat die Europäer wachgerüttelt: Die Finanzminister befürchten, dass kriminelle Bilanzmanipulationen auch diesseits des Atlantiks stattfinden könnten. Deshalb wollen sie zügig europäische Bilanzstandards durchsetzen. Auch Verhaltensregeln für Wirtschaftsprüfer und Finanzanalysten sind im Gespräch.

HB BRÜSSEL. Die EU will Konsequenzen aus dem Enron-Skandal in den USA ziehen. Die 15 Finanzminister der Staatengemeinschaft beraten am Samstag im spanischen Oviedo einen Fünf-Punkte-Plan, um kriminellen Machenschaften von Unternehmensmanagern, Wirtschaftsprüfern und Finanzanalysten vorzubeugen.

Im Kampf gegen Unregelmäßigkeiten bei der Unternehmensbilanzierung setzen die EU-Finanzminister vor allem auf den neuen europäischen Rechnungslegungsstandard IAS (International Accounting Standards). IAS sei wesentlich transparenter als der amerikanische Standard US-Gaap, heißt es in einem Vorbereitungspapier für den EU-Finanzministerrat (Ecofin). Die großen europäischen Aktiengesellschaften sollten IAS deshalb spätestens ab 2005 anwenden, und zwar möglichst ohne Ausnahme.

Die Forderung richtet sich insbesondere an deutsche Aktiengesellschaften, die an der Wall Street gelistet sind und deshalb in US-Gaap bilanzieren. Für sie hatte Bundesfinanzminister Hans Eichel (SPD) noch vergangenes Jahr durchgesetzt, dass sie erst 2007 auf IAS umstellen müssen.

Diese Fristverlängerung halten die EU-Finanzminister mittlerweile offenbar für problematisch. "US-Gaap bietet den hoch bezahlten Firmenanwälten zu viele Schlupflöcher für Manipulationen", hieß es in diplomatischen Kreisen in Brüssel.

Auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften sind ins Visier der EU-Finanzminister geraten. Bislang gebe es für den Berufsstand keine verbindlichen Regeln und keine Qualitätskontrolle. Dies könne so nicht bleiben, hieß es in Brüssel. Zumindest müsse sichergestellt werden, dass sich die Wirtschaftsprüfer in Europa an die bereits vorhandenen International Standards for Auditing (ISA) halten.

Außerdem arbeitet die EU-Kommission an einem Verhaltenskodex für Wirtschaftsprüfer. Er sieht vor, dass Unternehmen ihren "Seniorpartner" bei ihrer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft alle sieben Jahre austauschen müssen. Eine langjährige Verfilzung zwischen dem Wirtschaftsprüfer und dem geprüften Unternehmen wie zwischen Andersen und Enron soll auf diese Weise vermieden werden. Die EU will den Verhaltenskodex im Mai beschließen, allerdings nur als unverbindliche Empfehlung an die Mitgliedstaaten. Die EU-Finanzminister denken auch darüber nach, die Wirtschaftsprüfung von der Unternehmensberatung zu trennen. Diese Überlegungen sind allerdings noch im Anfangsstadium. Konkrete Entwürfe für eine entsprechende EU-Verordnung oder Richtlinie gibt es bislang nicht.

Sorge bereitet den EU-Finanzministern die extreme Konzentration bei den Wirtschaftsprüfern: Weltweit bieten nur fünf Gesellschaften ihre Dienste an. "Für Unternehmen, die den Wirtschaftsprüfer wechseln wollen, ist das ein Riesenproblem", hieß es in Brüssel. Ebenso problematisch sei es, dass weltweit nur zwei Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit von Unternehmen bewerten, hieß es weiter. Eine Handhabe gegen den hohen Konzentrationsgrad an diesen Märkten haben die EU-Finanzminister bislang allerdings nicht gefunden.

Kritisch sehen die EU-Finanzminister auch die Rolle der Finanzanalysten. Sie könnten bewusst falsche Signale über den Zustand eines Unternehmens an die Märkte geben. Derartigen Manipulationen will die EU mit ihrer neuen Richtlinie gegen Insidergeschäfte und Marktmissbrauch einen Riegel vorschieben. Die Richtlinie soll noch in diesem Jahr verabschiedet werden.

Die EU-Finanzminister wollen sich in Oviedo auch mit Regeln für die Unternehmensführung (Corporate Governance) befassen. Ob es dazu einen europäischen Verhaltenskodex geben wird, ist bislang nicht geklärt. Eine von der EU-Kommission in Auftrag gegebene umfangreiche Studie, angefertigt von der renommierten Anwaltskanzlei Weil, Gotshal & Manges, riet unlängst von EU-Standards zur Corporate Governance ab.

Diese Empfehlung überzeugte die EU-Kommission und die EU-Finanzminister aber offenbar nicht. Die Finanzminister wollen deshalb den Rat weiterer Experten einholen, etwa vom holländischen Wirtschaftsanwalt Jaap Winter. Eine von Winter geleitete Expertengruppe arbeitet derzeit an Vorschlägen für die EU-Finanzmarktgesetzgebung.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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