Finanzvorstand als Hauptschuldiger
Hintergrund: Brokat ist aufgrund der raschen Expansion gescheitert

Michael Janßen war von Anfang dabei. Gemeinsam mit ein paar Freunden von der Universität Tübingen hatte der Blondschopf 1994 die Brokat Informationssysteme GmbH gegründet. Genau sieben Jahre später kündigte das Software-Unternehmen, das in seiner Höchstzeit mehr als 1400 Mitarbeiter beschäftigte, seine Aufspaltung in einzelne Sparten an.

dpa STUTTGART. Als Finanzvorstand gilt Michael Janßen als der Hauptverantwortliche für das Desaster bei Brokat. Denn das Unternehmen scheiterte nicht, weil sein Produkt bei den Kunden nicht ankam. Die rasche Expansion hatte ein zu tiefes Loch in die Kasse gerissen, das auch Janßen nicht mehr rechtzeitig zu stopfen wusste.

Telekom-Konzerne und Großbanken weltweit nutzen Brokat-Software für das elektronische Bezahlen im Internet und per Mobiltelefon. Die Orientierung an den Medien der Zukunft, der jugendliche Charme seiner Vorstandsmitglieder und der Glaube an eine neue Unternehmenskultur hatte Brokat zu einem der Stars der "New Economy" in Deutschland gemacht. Bei einem Treffen mit anderen Wirtschaftsbossen im Schwarzwald hatte Brokat-Chef Stefan Röver, Jahrgang 1965, seine meist schon ergrauten Kollegen einmal mit der Aussage geschockt, selbst der Hausmeister bei Brokat könne ein Jahresgehalt von mehreren hunderttausend DM verdienen.

Ein Jahr später spotteten die Industrie-Barone an gleicher Stelle während eines Gourmet-Dinners schadenfroh über den abwesenden Röver. Die Aktienoptionen des Brokat-Hausmeisters, auf die der Manager angespielt hatte, waren fast nicht mehr wert: Der Kurs der Aktie fiel von Höhen um 200 Euro ins Bodenlose. "Null Euro" gab ein Analyst kurz vor der Hauptversammlung im Juni als Kursziel an und hielt damit den Aktionäre die drohende Pleite vor Augen.

Was war geschehen? Aggressiv hatte Brokat sein weltweites Wachstum vorangetrieben und hohe Risiken dabei bewusst in Kauf genommen. Im März 2000, als noch alles nach Plan lief, brachte das Unternehmen eine Anleihe heraus, die mit stattlichen 11,5 Prozent verzinst wurde. In den USA kaufte Brokat durch Ausgabe eigener Aktien zwei Mal teuer ein. Doch die ins Stocken geratene Konjunktur ließ die ehrgeizigen Umsatzziele in weite Ferne rücken. Gleichzeitig mussten die neu erworbenen Unternehmen integriert werden - ein teurer Prozess. Als neues Logo wählte die Software-Schmiede, warum auch immer, eine Pusteblume.

Vielleicht zu spät erkannte der 35-jährige Janßen, dass das Geld bei Brokat knapp wurde. Das Unternehmen trat auf die Kostenbremse und entließ ein Fünftel seiner Mitarbeiter. Die Übernahmen in den USA waren nicht mehr zu bewältigen und wurden wieder verkauft; Sonderabschreibungen auf ihre Werte hatten bei Brokat einen der höchsten Quartalsverluste in der Geschichte des Neuen Marktes verursacht - 824 Millionen Euro. Fast jeder ahnte, dass es mit Brokat zu Ende ging - auch potenzielle Kunden. Die Umsätze brachen ein. Fieberhaft suchte das Unternehmen nach einem Investor.

Janßen, der Hobby-Schwimmer, blieb. Er ist kein eingekaufter, austauschbarer Investment-Banker wie viele seiner Kollegen Finanzvorstände am Neuen Markt. Er hatte Brokat mitgegründet und sich einem offenen Umgang mit den Zahlen verschrieben. "Ich bin kein typischer Buchhalter", meinte Janßen im Herbst vergangenen Jahres. Als er bemerkte, dass die eigene Kompetenz allein wohl nicht mehr ausreichen würde, bewies Janßen Mut und bat öffentlich den bekannten Insolvenzverwalter Dirk Pfeil um Hilfe. Nach dem angekündigten Weggang von Röver soll der Manager nun den zurechtgestutzten Rest von Brokat leiten. Er fängt also nochmal von vorn an.

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