Finanzvorstand Edgar Ernst im Interview
„Nichts mehr kostenlos“ bei der Deutschen Post

Die Deutsche Post will für Nachsendungen und für postlagernde Sendungen künftig Geld verlangen.

Herr Dr. Ernst, mutiert die "Aktie gelb" jetzt endgültig zur gelben Gefahr für die Anleger?

Eindeutig nein. Nach den beiden jüngsten Entscheidungen der EU-Kommission und der Regulierungsbehörde - 850 Millionen Euro Rückzahlung an den Bund wegen angeblich unerlaubter Subventionen, Einnahmeverluste von bis zu 300 Millionen Euro pro Jahr durch Senkung des Briefportos - sind die beiden großen Unwägbarkeiten des Börsengangs im Herbst 2000 vom Tisch. Damit haben wir Planungssicherheit für die nächsten fünfeinhalb Jahre.

Aber nur, wenn es rechtens war, dass Bundeswirtschaftsminister Werner Müller im Frühjahr 2000 das damalige Porto für zwei Jahre verlängerte. Dagegen klagt zurzeit ein Verband vor dem Landgericht Berlin.

Die damalige Weisung an die Adresse der Regulierungsbehörde, das Briefporto bis Ende 2002 unangetastet zu lassen, stand in Einklang mit dem Postgesetz. Eventuelle Schadensersatzforderung in Milliardenhöhe wegen angeblich zu hoher Briefporti 2001 und 2002 entbehren nach unserer Überzeugung jeder Grundlage.

Die Anleger haben, gemessen am Emissionkurs, seit dem Börsengang rund die Hälfte ihres Investments verloren. Wie wollen Sie da noch Vertrauen in die "Aktie gelb" wecken?

Zunächst glaube ich, dass der Kurs jetzt ein Niveau erreicht hat, von dem aus er wieder anziehen wird. Mit einem aktuellen Kurs-Gewinn-Verhältnis von neun bis zehn in diesem und im nächsten Jahr ist die Aktie gelb unterbewertet. Das ist weniger als die Hälfte von UPS und liegt auch deutlich unter den Werten von Fedex und der holländischenPost TPG. Eine derart großer Unterschied ist nicht gerechtfertigt.

Die Börse reagierte fast panisch auf die angekündigte Portosenkung. Hatten Sie die Märkte schlecht auf die Nachricht vorbereitet?

Ich bin davon überzeugt, dass wir die Anleger richtig informieren. Gemessen an den uns auferlegten Lasten, sehen wir weiterhin keinen Spielraum für Portosenkungen. Die von Brüssel verhängte Rückzahlung wegen angeblicher Beihilfen kam für uns überraschend, weil es während des Verfahrens anders lautende Informationen gab. Deshalb gehen wir gegen den Beschluss ja auch rechtlich vor.

Vorstandschef Klaus Zumwinkel wiegelte drohende Portosenkungen aber stets ab, selbst als die WirtschaftsWoche Ende April erstmals die Größenordnung nannte. Da fühlen sich die Anleger im Nachhinein schlecht informiert.

Beim Briefporto mutmaßte ständig jemand etwas, da konnten wir nicht auf jede Wasserstandsmeldung reagieren. Die Börse hat den Einnahme- und Gewinnausfall jetzt in eine geringere Marktkapitalisierung umgemünzt.

Was unternehmen Sie, um diesen Gewinnausfall wettzumachen, der gut einemZehntel des operativen Ergebnisses oder den Kosten von bis zu 10 000 Arbeitsplätzen entspricht?

Wir sind ein hoch solides Unternehmen, das zeigt die unverändert positive Einschätzung der Post bei den Ratingagenturen. Wir werden im Briefgeschäft jetzt alles überprüfen, was wir über das gesetzlich vorgeschriebene Niveau hinaus leisten. Wir besitzen 140000 Briefkästen, von denen wir einige 10000 abbauen werden. Wir betreiben 1000 Filialen mehr, als wir müssen. Wir werden jedoch die erforderlichen Rationalisierungsschritte, auch im Personalbereich, sorgfältig gewichten und auf Sozialverträglichkeit prüfen. Auf diese Weise wollen wir vom Jahr 2004 an jährlich 300 Millionen Euro einsparen und damit den Einnahmeverlust wettmachen.

Die Einnahmen zu erhöhen wird Ihnen schwerer fallen, zumal der Briefmarkt kaum wächst und das Briefmonopol bröckelt.

Wir werden für Dienstleistungen, deren Preise die Regulierungsbehörde nicht festsetzt und die wir derzeit kostenlos anbieten, künftig Geld verlangen. Dazu zählen vor allem Nachsendungen und postlagernde Sendungen. Davon versprechen wir uns zusätzliche Einnahmen im zweistelligen Millionenbereich. Zugleich werden wir im europäischen Ausland angreifen. Holland, wo wir künftig mit dem dortigen Briefdienst Wegener zusammenarbeiten, ist erst der Anfang.

Interview: Reinhold Böhmer

Quelle:WirtschaftsWoche

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