Finanzvorstand fürchtet gravierende Wettbewerbsverzerrungen in der Krise
Lufthansa vom „Raubrittertum“ der Versicherer schockiert

Die Deutsche Lufthansa glaubt nicht an eine baldige Lösung im Konflikt um höhere Versicherungsbeiträge. Bei der deutschen Airline wächst zudem die Angst vor Wettbewerbsverzerrungen.

KÖLN. Die Deutsche Lufthansa AG geht in die Offensive. Das Verhalten der Versicherungen sei "monopolistisches Raubrittertum", sagte Lufthansa-Finanzvorstand Karl- Ludwig Kley im Gespräch mit dem Handelsblatt. Bei Lufthansa habe man Verständnis für die besondere Lage, in der sich auch die Versicherungen nach dem 11. September befinden, "allerdings nicht für den Kündigungsbrief". Nach den Anschlägen in den USA hatten Versicherer bestehende Verträge innerhalb von einer Woche aufgekündigt und Terror- sowie Kriegsrisiken für die Flugzeuge nicht mehr mitversichert.

Inzwischen stelle die Assekuranz "wahnsinnige Forderungen", die nicht hinnehmbar seien, sagte auch ein Sprecher der deutschen Charterfluggesellschaft LTU. Die finanziell angeschlagene Airline sieht sich nach den Aufschlägen mit einer siebenstelligen Summe belastet. Laut Lufthansa wird bei den neuen Policen gerade noch ein Vierzigstel der früheren Deckungssumme erreicht (50 Mill. DM), dafür sollen sie aber das Zweieinhalbfache dessen kosten, was bisher für die gesamt Flottenpolice gezahlt wurde. An der mache die Kriegsdeckung nur einen Bruchteil aus. Die Preise seien "absurd und inakzeptabel", sagte Kley.

Bernd Michaels, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, betonte am Wochenende, nach Ablauf der auf einen Monat befristeten Staatshaftung werde es eine Lösung geben: "Davon bin ich absolut überzeugt", sagte er. Kley entgegnete: "Ich habe ganz erhebliche Zweifel, dass das in den nächsten vier Wochen hinzukriegen ist. Wir werden eine weitere Zwischenlösung brauchen." Die Frist für die Staatshaftung endet am 25. Oktober. Sollte bis dahin keine Einigung zustande kommen, müssten die Flugzeuge mangels Versicherungsschutz am Boden bleiben.

Sicherheitsaufwendungen werden steigen

Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner sieht eine bedrohliche Situation für viele Airlines: Neben der Versicherung für Drittschäden aus Krieg und Terror, die Lufthansa bereits mit mehr als 100 Mill. DM zusätzlich belaste, sei auch die Kriegskaskoversicherung für den Wert der Flugzeuge um etwa das Zehnfache angehoben worden. Oelßner bezifferte die Preiserhöhungen für andere Sach- und Haftpflichtversicherungen innerhalb des Betriebs mit 60 bis 300 %. Und als Dämpfer oben drauf kommt die Versicherungssteuer in Höhe von 16 %. "Ein tödlicher Cocktail für einige Airlines", glaubt Oelßner, und bedrohlich genug für die Lufthansa selbst. Bei aktuell schwächeren Umsätzen drohen auch dem deutschen Konzern die Kosten aus dem Ruder zu laufen.

Kley erwartet, dass die Sicherheitsaufwendungen, die bisher mit 700 Mill. DM im Budget stehen, um rund 25 % steigen werden. Zudem sieht der Finanzvorstand für die internationale Luftfahrt in den kommenden Wochen noch keine Belebung. Zwar habe sich der Verkehr in einigen Bereichen leicht vom Schock der Terroranschläge erholt. "Doch die Auslastung auf Strecken in die USA und in den Nahen Osten liegt noch so weit unter Vorjahr, dass wir nicht ausschließen können, weitere Kapazitätsanpassungen vorzunehmen", sagte Kley.

Differenzen auf europäischer Ebene

Bisher ging Lufthansa davon aus, dass 28 Maschinen stillgelegt und größere Maschinen durch kleinere ersetzt werden müssten. Neben dem Einbruch des Geschäfts befürchtet Lufthansa vor allem neue Wettbewerbsverzerrungen. Die Milliardenhilfen der US-Regierung für die am Rande des Abgrunds stehenden US-Airlines sind nur ein Problem. "Auf der einen Seite fordert das Bundeskartellamt auf einer Strecke wie Paderborn - München freien Wettbewerb. Auf der anderen Seite erleben wir, dass durch die von der US-Regierung beschlossenen Hilfen Strecken wie New York - Frankfurt durch die Hintertür subventioniert werden. Das ist geradezu widersinnig, die Balance stimmt hier nicht."

Auch auf europäischer Ebene bahnen sich Differenzen an. Lufthansa will nicht hinnehmen, dass mit British Airways einer der Hauptkonkurrenten die Staatsgarantien im Versicherungsstreit unentgeltlich erhält, während die deutsche Regierung von ihren Airlines "marktübliche Preise" verlangt. Neben Großbritannien soll es laut Lufthansa auch in den USA, Luxemburg, der Türkei und der Schweiz bereits Zusagen über kostenlose Staatsgarantien geben. Eine Diskriminierung will Lufthansa aber nicht dulden: "Wir haben einen europäischen Markt und brauchen eine europäische Linie", betonte Kley. Der Konzern fürchtet vor allem, dass üppige Staatshilfen den Wettbewerbsvorsprung des deutschen Konzerns schmälern könnten. Deshalb mahnte Kley: "Die Airlines, die vor dem 11. September ihr Unternehmen erfolgreich geführt haben, dürfen jetzt nicht das Nachsehen haben. Wir kehren sonst in die Zeit anno Schnee zurück."

Matthias Eberle
Matthias Eberle
Handelsblatt / Ressortleiter Ausland
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