Finanzvorstand kündigt hartes neues Geschäftsjahr an
Siemens sieht kein Ende der Talfahrt

Die Siemens-Mitarbeiter müssen sich auf schwere Zeiten einstellen: Der Vorstand greift in den Problembereichen hart durch. Analysten gehen davon aus, dass noch mehr Stellen gestrichen werden.

jojo MÜNCHEN. Frostiges Klima mitten im Sommer. Der Vorstand des High-Tech-Konzerns Siemens bereitet seine Beschäftigten auf einen eisernen Sparkurs vor. "Das nächste Geschäftsjahr wird noch härter als das laufende", warnt Finanzchef Heinz-Joachim Neubürger in der jüngsten Ausgabe der Mitarbeiter-Zeitschrift Siemens Welt. Neubürger kündigt gleichzeitig weitere kräftige Einschnitte in dem Münchener Unternehmen an. Es sei nicht im Interesse von Siemens, "Geld mit Geschäften zu verlieren, die zu lange keine nennenswerte Rendite gebracht haben."

Die Umwälzungen fordern zahlreiche Opfer: Das Traditionsunternehmen streicht mehr als 30 000 seiner 438 000 Stellen. Kaum eine Woche, in der bei Siemens keine neuen Kürzungen bekannt werden. Erst am Mittwoch wurde bestätigt, dass im defizitären Festnetzbereich (ICN) zusätzlich zu den bereits geplanten 16 500 Stellen nochmals 1 300 Arbeitsplätze abgebaut werden.

Analysten gehen allerdings bereits davon aus, dass weitere Job-Kürzungen bei ICN folgen werden. "Die Margenziele für 2003/2004 waren mit dem bisherigen Sparprogramm nicht zu erreichen. Auch die jetzt verkündeten 1 300 Stellen, die gestrichen werden sollen, reichen dazu wahrscheinlich noch nicht aus," fürchtet Dirk Rübesamen von der WestLB-Panmure. Wenn der Markt nicht anziehe, werde es wohl zu weiteren Stellenstreichungen kommen, betont der Analyst. Doch ein Aufschwung sei in weiter Ferne: "Bis jetzt ist auch für 2003 keine deutliche Erholung abzusehen."

Die Netzwerksparte ist allerdings nicht der einzige Bereich, in dem derzeit ein eisiger Wind weht. Im nach wie vor schwachen Mobilfunkbereich (ICM) müssen knapp 5 000 Leute gehen. Beim IT-Dienstleister Siemens Business Services werden 2 500 Stellen eingespart. Erst Anfang des Jahres hatte SBS 2 000 Jobs gekürzt. Die Gebäudetechnik-Sparte Siemens Building Technologies will sich innerhalb von drei Jahren von 2 200 Mitarbeitern trennen. Damit ist die Liste aber noch nicht zu Ende: Bei Siemens Industrial Solutions and Services (I&S) werden 2 000 von 30 000 Leuten ihre Schreibtische räumen. Firmenteile mit insgesamt 5 000 Stellen sollen verkauft werden.

"Das hat eine neue Qualität, so ging man bei Siemens bislang nicht mit den Leuten um", schimpft Wolfgang Müller von der IG Metall in München über die neuen Stellenstreichungen in der Netzwerksparte ICN. Was den Gewerkschafter besonders ärgert: Die erst Anfang August, also in den Sommerferien, intern verkündeten Abbaupläne sollen bereits Ende September umgesetzt werden. Müller beklagt vor allem, dass Arbeitsplatz erhaltende Maßnahmen wie Arbeitszeitverkürzung nicht zur Debatte stehen. Der Verein der Belegschaftsaktionäre forderte bereits den Rücktritt des zuständigen Zentralvorstands Volker Jung.

Dass die Siemens-Führung ihre Pläne noch einmal ändert erwartet kaum jemand. Im Gegenteil: Die Manager bereiten ihre Leute auf einen weiteren Stellenabbau vor. "In Zukunft werden wir deutlich weniger Fabriken haben und weniger Menschen beschäftigen", zitiert Siemens Welt den bei ICN für die Werke zuständigen Vorstand Andy Mattes. Auch Siemens-Chef Heinrich von Pierer sieht keine Erholung für ICN: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass so bald keine grundlegende Besserung eintritt."

ICN leidet seit Monaten unter dem schlechten Geschäft mit den großen Telekommunikations-Konzernen und lag nach neun Monaten des Geschäftsjahrs (zum 30.6.) mit einem Betriebsverlust von 366 Mill. Euro tief in den roten Zahlen. Im laufenden Geschäftsjahr (bis 30.9.) soll der Bereich deshalb 2 Mrd. Euro weniger ausgeben als zuvor. Für das nächste Geschäftsjahr kommen wegen der schlechten Aussichten nun nochmal 1,5 Mrd. Euro Einsparungen hinzu.

Ein eisiger Wind weht auch im Industrie-Anlagen-Bereich I&S. Der neue Bereichsvorstand Joergen Ole Haslestad kühl: "Hier gab es eine Kultur, wo man nicht lügt, aber sich viel vormacht." Jetzt zählen vor allem nackte Zahlen und der Norweger krempelt den Bereich kräftig um.

Tausende Mitarbeiter im gesamten Siemens-Konzern sind verunsichert. IG-Metall-Funkionär Müller erwartet, dass in Problembereichen wie dem Mobilfunk bald weitere Stellenstreichungen anstehen könnten.

Quelle: Handelsblatt

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