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Findulin – eine Name mit Qualitäten

Der Internetadler der Bundesregierung hat endlich einen Namen. "Findulin" heißt er, von Bundeskanzler Gerhard Schröder eigenhändig auf diesen Namen getauft. Er ist Hoffnungsträger für ein ganzes Land. Er soll den Bundesbürgern die Möglichkeiten der Informationstechnologie, insbesondere des Internets, schmackhaft machen. Und weil das so ist, wurden an die Namenauswahl hohe Maßstäbe angelegt.

Schwierige Aufgaben erfordern höchsten Einsatz. So sah es jedenfalls das Bundespresseamt. Es organisierte deshalb einen Namenswettbewerb für die Symbolfigur der IT-Kampagne der Bundesregierung mit dem schönen Titel "Deutschland schreibt sich mit.de". Und sie bewarb ihn mit Millionenaufwand über die verschiedensten Kanäle: 7,5 Millionen Postkarten wurden verteilt, in mehr als 26 000 Kinovorstellungen lief ein eigens angefertigter "Name it win it"-Spot und auch im Internet sowie in Anzeigenkampagnen wurde getrommelt, was das Zeug hält.

Das Ergebnis: 25 594 Namensvorschläge gingen innerhalb der sechswöchigen Vorschlagsfrist über das Internet ein, 24 550 fanden den Weg per Postkarte nach Berlin. Brad Pitt, Donald Duck und Politikernamen fielen allein aus rechtlichen Gründen schnell durchs Sieb. Andere scheiterten an den von der aus Experten und Prominenten zusammengesetzten Jury angelegten Qualitätskriterien: Innovativ aber nicht trendy, zukunftsweisend und traditionsbewusst zugleich, international verständlich und pfiffig sollte der Name sein. Qualitäten also, wie sie in ähnlicher Summe wahrscheinlich nur eine eierlegende Wollmilchsau erfüllt. Ins Finale der letzten 25 in Frage kommenden Vorschläge schafften es dann so klangvolle Namen wie "Virtus", "Netgar", "Internick", "Surfix", "Olli Online", "Cybert" und "Webster".

Das Rennen aber machte schließlich Findulin, ein Vorschlag der 11-jährigen Lisa Benjamin aus dem schwäbischen Renningen, die nun ein Multimedia-Notebook ihr Eigen nennen darf. Für ihren Vorschlag hatte sie eine sympathisch simple Erklärung parat: "Findulin ist mir einfach so eingefallen. Der Name hat was mit finden und Erfindung zu tun", sagte das Mädchen.

Der Jury war?s egal, sie hatte ihre eigene Begründung für die Entscheidung parat. "Findulin ist innovativ, zeigt in die Zukunft und passt gut zum ?WWWappentierchen? der Bundesregierung", sagte die Jury-Vorsitzende, Professor Annamarie Rucktäschel von der Hochschule der Künste in Berlin. "Findulin ist der virtuelle Wegweiser ins und durchs Netz. Mit ihm surft Deutschland in die Internet-Zukunft."

So weit die Lobeshymnen. Jetzt muss Fundulin zeigen was er kann. Deutschland hat es jedenfalls bitter nötig: Einer aktuellen Studie zufolge gehören die Bundesbürger bislang nämlich zu den Internetmuffeln. In anderen europäischen Ländern ist das Interesse jedenfalls deutlich größer und der Anteil der Internet-"Verweigerer" um rund 20 Prozent niedriger als hier zu Lande.

In diesem Sinne, mein virtueller Freund: Zeig uns Deine Qualitäten und enttäusche Deine Namensgeber nicht. Allzeit eine gute Welle unter dem Surfbrett!


Schreiben Sie dem Autor: m.renner@vhb.de.

Marc Renner  Quelle: Frank Beer für Handelsblatt
Marc Renner
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