Finnische Freude und schwedische Schwermut
Ungleicher Handy-Zweikampf zwischen Ericsson und Nokia

"Riders on the storm" tönte aus den Lautsprechern am Hauptsitz von Ericsson kurz bevor der schwedische Telekommunikationskonzern seine Quartalszahlen sowie ein weiteres Kostensenkungsprogramm präsentierte. Ob zufällig oder mit Bedacht gewählt, der Song der Doors symbolisiert derzeit den Zustand des größten schwedischen Konzerns, der immerhin für 15 % aller schwedischen Exporte steht.

HB STOCKHOLM"Wir sehen keine Zeichen der Erholung", erklärte Ericsson-Chef Kurt Hellström mit belegter Stimme, und sein Gesichtsausdruck signalisierte deutlich, dass es sich nicht um Zweckpessimismus handelt.

In Stockholm wurde ein düsteres Bild der konjunkturellen Zukunft gezeichnet. Erstmals seit Jahren verzichtet der Konzern deshalb auf eine Prognose für 2001. "Die Situation ist zu unsicher", sagt Hellström. Aber: "Das zweite Quartal wird nicht besser als das erste." 12 000 weitere Arbeitsplätze müssten abgebaut werden, die Hälfte davon außerhalb Schwedens. Ende des Jahres rechne er sogar nur noch mit 85 000 Mitarbeitern gegenüber den heutigen 107 000. Von 2002 an sollen so 20 Mrd. Kronen jährlich eingespart werden.

Der einstige Vorzeigekonzern ist ins Straucheln geraten. Bereinigt um einmalige Einnahmen weist er ein Minus von 4,9 Mrd. schwedischen Kronen (umgerechnet rund 540 Mill. Euro) aus. Die Handy-Sparte ist mit einem betrieblichen Verlust von 5,7 Mrd. Kronen hauptverantwortlich für das Debakel.

Nokia deklassierte die gesamte Branche

Nur 400 Kilometer Luftlinie entfernt demonstrierte dagegen der große finnische Erzrivale Nokia mit aller Deutlichkeit seine Stärke mit einem von 1,4 auf 1,5 Mrd. Euro gestiegenen Vorsteuergewinn und einem Umsatzanstieg gegenüber der Vorjahresperiode von 22 % auf 8 Mrd. Euro. Ericsson-Chef Hellström wollte auf die Frage, was denn die Finnen so viel erfolgreicher machen, nicht antworten. "Fragen sie Jorma Ollila doch selbst". Nokia-Chef Ollila begnügte sich mit der Feststellung, dass er sehr, sehr zufrieden mit dem Ergebnis sei.

Nokia deklassiert in der Tat die gesamte übrige Branche, die in den vergangenen Monaten von Gewinnwarnungen zu Sparprogrammen, von Kündigungen zu Produktionsauslagerungen gestolpert ist. Der finnische Konzern hat zwar auch den Konjunkturrückgang in den USA, den allgemeinen Preisdruck und zurückhaltendes Kaufverhalten der Handykunden zu spüren bekommen und hat deshalb seine Wachstumsprognose von den ursprünglich avisierten 25 bis 35 % auf 20 % gesenkt. Doch das Unternehmen konnte mit neuen trendgerechten Handy-Modellen seinen Marktanteil auf über 35 % ausbauen. In nicht allzu ferner Zukunft werden sogar 40 % angestrebt. Ericsson ist auf einen Marktanteil von 7 bis 8 % abgerutscht und vielleicht schon von Siemens überrundet.

Ein weiterer Grund für finnische Freude: Nokia verringerte bei den Mobilfunksystemen den Abstand zum schwedischen Marktführer. In der Systemsparte wuchs Nokia im ersten Quartal um 35 %, während sich Ericsson mit einem deutlich bescheideneren Plus von 9 % begnügen musste. Noch ist der Vorsprung der Schweden allerdings groß: Ericsson setzte mit seinen Systemen mit 35,2 Mrd. Kronen fast doppelt so viel um wie Nokia. Doch bei den Netzwerken für den Mobilfunkstandard der dritten Generation (UMTS) hat Nokia auch dank großzügiger Lieferantenkredite deutlich aufgeholt und will laut Ollila in einigen Quartalen sogar die Markführerschaft übernehmen.

Bedenklich für Ericsson sind die wegen niedriger Volumen und höherer Investitionen von 14 auf 4 % gesunkenen Gewinnmargen. Auf der anderen Seite der Ostsee funkte Nokia mit Gewinnspannen von 21 % bei den Handys und 18 % bei den Systemen munter weiter. Für das gesamte Jahr rechnen aber auch die Finnen mit sinkenden Margen. Kleiner Trost für die Schweden: Die Auftragsbücher sind so voll wie nie zuvor, und Analysten gehen davon aus, dass auch Nokia noch in diesem Jahr ein Kostensenkungsprogramm durchführen wird.

HerstellerBisherige Weltmarktanteile

Nokia

30,6%

Motorola

14,6%

Ericsson

10,0%

Siemens

6,5%

Panasonic

5,2%

Samsung

5,0%

Sony

2,0%
Andere26,1%
Quelle: Gartner
Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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