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Finnische Normalität

Helsinki-Vantaa. Ein Flughafen wie viele andere, Shoppingzentrum, Warteraum und Kontakthof in einem. Finnisches Styling – funktional und zeitlos, finnische Preise – hoch, aber in Euro, finnische Sprache – lustig und unverständlich.

Helsinki-Vantaa. Ein Flughafen wie viele andere, Shoppingzentrum, Warteraum und Kontakthof in einem. Finnisches Styling – funktional und zeitlos, finnische Preise – hoch, aber in Euro, finnische Sprache – lustig und unverständlich. Und dann ist da noch etwas: In diese nicht enden wollenden Wörter aus "ä's" und "y's", Doppel-A's und Doppel-E's mischen sich deutlich vernehmbare "njet's" und "da's". Klein-Russland in Helsinki? Groß-Russland.

Die Zahl der russischen Besucher in der finnischen Metropole ist in den vergangenen Jahren explodiert. Ein Juwelier in der Innenstadt erzählte mir, er würde heute rund ein Viertel seines Jahresumsatzes mit russischen Kunden machen. Der Rubel rollt, und in Helsinki sind die Zeiten längst vorbei, in denen aus Angst vor Diebstählen auf kleinen handgeschriebenen Schildchen in kyrillischer Schrift an den Schaufenstern das gleichzeitige Betreten von mehr als zwei Russen untersagt wurde. Heute würde man am liebsten die Ei ngangstüren verbreitern, damit mehr Umsatz-bringende Touristen aus St. Petersburg und anderswo den Weg zur Kasse finden.

Finnland hat nach dem Beitritt zur Europäischen Union 1995 sein Verhältnis zum Nachbarn neu definiert: Nicht mehr die hundertjährige Zugehörigkeit wider Willen zum großen russischen Reich dominiert das bilaterale Verhältnis, nicht mehr Unterwürfigkeit gepaart mit verstecktem Hass gibt den Ton an, sondern der für Finnland so typische Pragmatismus, die Einsicht, dass man eine 1200 Kilometer lange gemeinsame Grenze nicht einfach ignorieren kann. Der Kreml wird nicht mehr wie noch vor 20 Jahren konsultiert, wenn wichtige außenpolitische Entscheidungen anstehen, aber Moskau wird auch nicht mehr mit dem ungeliebten großen Bruder gleichgesetzt. Ein neues Selbstbewusstsein ist spürbar, ein Selbstbewusstsein, das die Forderung nach Rückgabe von Karelien bei einigen Finnen hat laut werden lassen. Karelien – das ist das Gebiet, dass Finnland nach dem Zweiten Weltkrieg an die damali ge Sowjetunion verlor. Einige Finnen träumen von Rückgabe des Gebietes durch Moskau, die meisten aber sind Realisten.

In Lappeenranta, der Hauptstadt des finnischen Südkareliens direkt an der Grenze zu Russland, hat der Stadtrat vor kurzem beschlossen, wichtige Verkehrsschilder auch mit kyrillischen Buchstaben aufzustellen. Die Stadt, nur gut zweihundert Kilometer von Helsinki entfernt, ist zum Zentrum der russischen Besucher und Einwanderer geworden. Hier, wo noch vor wenigen Jahren die kleine russisch-finnische Schule mangels Interesses um ihre Existenz kämpfte, will man jetzt ausbauen. Auch die Geschäftsinhaber in Lappeenranta haben auf den neuen Trend reagiert und russischsprachiges Personal eingestellt. Mehrere Großmärkte sind auf der grünen Wiese entstanden, und die vielen Stadtjeeps mit russischen Kennzeichen auf dem Parkplatz zeigen, dass das Konzept aufgegangen ist. Und, so sagt man in Lappeenranta: Die Zeit, in der nur Händler und Huren aus dem Osten den Weg nach Finnland suchten, ist vorbei. Jetzt kommen auch die Familien, kaufen ein, was zuhause teuer oder selten ist.





Heute, so scheint es, haben sich die meisten Finnen mit dem Land jenseits der Grenze arrangiert. Es bleibt ihnen auch kaum etwas anderes übrig: Mehr und mehr Russen entdecken Finnland als ein Land, in dem es sich gut und gar nicht so weit der Heimat leben lässt. Unter der bescheidenen Zahl von Einwanderern in Finnland machen Russen Zweidrittel aus, in der Region Lappeenranta stehen sie für 90 Prozent.

Ein Makler, der deshalb das schnelle Geld ahnte und einfache Häuser der russischen Kundschaft zum Kauf anbot, musste sein Vorhaben zunächst aufgeben: Der Standard war den zahlungskräftigen Kunden dann doch zu niedrig. In diesem Jahr will der Makler einen neuen Versuch starten und hat dazu die Häuser mit Kamin, Sauna und anderen Annehmlichkeiten des Lebens deutlich aufgerüstet.

Auf dem Flughafen Helsinki Vantaa mit seinen schicken Boutiquen flanieren die Schönen aus dem Osten auf i hren atemberaubend hohen Pumps. Noch ein bisschen Shopping vor dem kurzen Flug nach St. Petersburg oder Moskau. Heute verdächtigt in Finnland kaum jemand mehr die neuen Besucher, dass sie andere Geschäfte im Sinn haben könnten. Normalität ist eingekehrt.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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