Finnischer Handy-Hersteller will sich als Nischenanbieter etablieren
Benefon kämpft ums Überleben

Im Schatten des Marktführers Nokia versucht sich ein zweiter finnischer Handy-Hersteller auf dem Markt zu etablieren: Benefon sucht die Nische, die Nokia noch nicht besetzt hat. Das kleine Unternehmen will mit High-Tech-Mobiltelefonen neue Kunden gewinnen. Viel Zeit bleibt dafür nicht mehr.

STOCKHOLM. "Klein, aber fein" hatten sich wohl Jorma Nieminen und zwei seiner Kollegen gedacht, als sie 1987 die Führungsetage von Nokia Mobira, der damaligen Handy-Sparte von Nokia verließen. Sie hatten auch für finnische Verhältnisse Ungeheuerliches vor: Sie wollten ihren ehemaligen Arbeitgeber herausfordern und in Eigenregie Mobiltelefone entwickeln und herstellen. Schon damals, lange bevor Nokia zum Handy-Weltmarktführer wurde, zählte der Konzern in Finnland zu den Nationalheiligtümern, mit denen man sich besser nicht anlegte.

Zeit reif für europäischen Markt

Nieminen und seine beiden Kollegen gründeten Benefon Oyj in Salo, wo auch Nokia seine Handys herstellt. Das Unternehmen mit seinen 365 Mitarbeitern hat jetzt nach vielen Verzögerungen und immer neuen Finanzierungsrunden ein wichtiges Etappenziel erreicht: Mehrere neue Modelle sind marktreif. Nun will der Hersteller den mitteleuropäischen Markt erobern.

Mit einer neuen Generation von Mobiltelefonen wollen die Finnen Nischen besetzen, die andere Gerätehersteller entweder noch nicht entdeckt haben oder für nicht lukrativ genug halten. Bestes Beispiel ist das Mobiltelefon "esc!". Das handliche Gerät ist als erstes Handy der Welt mit einem GPS-Satellitennavigationssystem ausgerüstet, wie es bei der Marine üblich ist und bei Navigationssystemen in Autos eingesetzt wird. Zielgruppe sind laut Benefon vor allem Outdoor-Liebhaber wie Wanderer, Bergsteiger und Radfahrer. Von der technischen Kompetenz der Finnen zeugt auch das Business-Handy "Q". Als erstes Mobiltelefon ist es mit einem Microsoft-Internet-Browser ausgestattet, über den Nutzer Internetseiten betrachten und E-Mails abrufen und versenden können.

Geräte-Preise für deutschen Markt zu hoch angesetzt

Doch die Chancen binnen kurzer Zeit größere Stückzahlen dieser Handys abzusetzen, stehen zumindest auf dem deutschen Markt nicht gerade günstig. Ausgerechnet bei denjenigen, die den Massenmarkt bedienen, den Netzbetreibern, konnte Benefon bislang keinen Fuß in die Tür bekommen. Das lag zum einen daran, dass den Betreibern der potenzielle Kundenkreis für die Telefone der Finnen zu klein erschien, zum anderen aber auch an den überzogenen Preisvorstellungen des Herstellers. "Entgegen unseren Empfehlungen hatte Benefon die Preise lange Zeit zu hoch angesetzt. Dafür ist der deutsche Markt viel zu hart umkämpft", sagt Rolf Märtens, der die Benefon-Handys in Deutschland vertreibt. Hinzu kommt, dass die Produktionskapazitäten des finnischen Herstellers für die Netzbetreiber bisher viel zu gering waren. "Wir brauchen immer gleich Stückzahlen von mehreren zehntausend oder hunderttausend Telefonen. Daran scheiterte die Zusammenarbeit in der Vergangenheit oft", heißt es bei der Telekom-Tochter T-Mobil .

Bei D2 Vodafone hingegen könnte es demnächst zumindest ein Benefon-Modell in den Shops geben. "Wir schauen uns im Augenblick das Navigationshandy ,esc!? an. Eine Entscheidung, ob wir das Gerät vertreiben, ist aber noch gefallen", sagte ein Sprecher. Trotzdem sieht Importeur Rolf Märtens die Zukunft des Herstellers positiv. "Mit dem ,esc!? gelingt uns hoffentlich der Durchbruch. Seit vor kurzem die Preise gesenkt wurden, verkaufen sich aber auch die übrigen Modelle deutlich besser."

Benefon-Geräte mit zahlreichen Innovationen

Das technische Know-how der Finnen ist in der gesamten Branche unumstritten. Die Benefon-Geräte zeichnen sich durch zahlreiche Innovationen aus. "Es wäre richtig schade, wenn Benefon nicht überleben würde", sagt eine Telekommunikationsanalystin in Nordeuropa. "Bei Benefon hat sich ein enormes Wissen konzentriert. Doch leider haben sie den Sprung in den GSM-Massenmarkt verpasst und sind zu lang im NMT-Standard hängen geblieben". Benefon konzentrierte sich zunächst auf den NMT-Standard, einer in den 80-er Jahren in Nordeuropa entwickelten und überaus populären Mobilfunktechnik. Sie legte auch den Grundstein für das Handy-Know-how der Skandinavier. Noch heute produzieren die Finnen diesen Standard unter anderen für den russischen Markt.

Doch jetzt läuft Benefon die Zeit davon. Das Geld geht aus, Ende März dieses Jahres hatte Benefon nur noch 1,8 Mill. Euro in der Kasse. Eine Neuemission im April brachte in etwa die gleiche Summe ein. Damit ist das Überleben nur noch für einige Wochen gesichert, wenn nicht ein Helfer in der Not gefunden wird. Den sucht derzeit Jorma Nieminen und verbringt damit so viel Zeit, dass er für einen Kommentar zur angespannten Lage nicht zur Verfügung steht.

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