Finnlands Außenminister Kanerva
Wer die Finger nicht ruhig halten kann

Eine verhängnisvolle SMS-Affäre: Mehr als 200 Kurznachrichten verschickte Finnlands Außenminister Ilkka Kanerva an eine Stripperin, die er während eines Fluges kennen gelernt hatte. Von dem alternden Politiker hielt die Angebetete aber herzlich wenig und verkaufte die mitunter schlüpfrigen Inhalte an ein Boulevardmagazin. Seinen Job war der 60-Jährige danach ganz schnell los.

STOCKHOLM. Ein Zeichen kann so viel bedeuten. 160 Zeichen noch viel mehr. 160 Zeichen passen in eine SMS, und von den Kurznachrichten hat Finnlands bisheriger Außenminister Ilkka Kanerva viele geschrieben. Schön und gut: Ein Außenminister soll Außenkontakte pflegen. Und dass das im Nokia-Land mit dem Handy geschieht, ist auch klar. Doch wenn die Kontaktpflege unter die Gürtellinie geht, ist es selbst den ansonsten stoisch ruhigen Finnen zu viel.

Am gestrigen Dienstag musste Kanerva seinen Hut nehmen. Mehr als 200 SMS waren der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der 60-jährige Kanerva hatte offenbar mächtig Gefallen an der Chefin einer Erotik-Tanzgruppe gefunden. Die 29 Jahre alte Stripperin Johanna Tukiainen, die er bei einem Flug in den höchsten Norden, nach Lappland, kennen gelernt hatte, erhielt seit dem 19. Januar Textmitteilungen, die nach Kanervas ursprünglicher Ansage "rein dienstlicher Natur" gewesen sein sollen.

"Willst du es an einem spannenden Platz machen? Wo könnte das sein?", fragte der Außenminister die Schönheit - und meinte damit definitiv nicht den Ort der nächsten Kosovo-Verhandlungen. Es war noch eine der harmloseren SMS, die publik wurden, weil die Angebetete weniger den alternden Außenminister, als vielmehr den schnöden Mammon im Sinn hatte und die Textmitteilungen an ein Boulevardmagazin verkaufte. Ihre späte Reue half Kanerva nicht, den von Tukiainen vorgeschlagenen Rückkauf der 200 SMS lehnte die Zeitung ab. Und seitdem fieberte das Land auf den gestrigen Veröffentlichungstag hin.

Es sollte nicht lange dauern, und das Magazin war ausverkauft und der Außenminister ohne Job. Denn was die Finnen da als angeblich dienstliche Angelegenheiten zu lesen bekamen, ließ sie an den Aufgaben eines Außenministers mächtig zweifeln. Schlimmer aber noch empfinden die meisten Finnen Kanervas Ausflüchte, Dementis und Lügen. Noch am Vorabend der SMS-Veröffentlichungen lehnte er einen Rücktritt ab.

Seinen konservativen Parteifreunden reichte es am Dienstagvormittag. Kanerva wurde gefeuert. Sein Nachfolger wird Alexander Stubb, der am Dienstag seinen 40. Geburtstag feierte. Er besitzt wie alle Finnen zwar mindestens ein Handy, hat sich aber als EU-Parlamentarier keinen Namen als eifriger SMSer gemacht. Vielmehr wird dem promovierten Ökonomen, Nato-Befürworter und zweifachen Familienvater Sprachen-Talent (Finnisch, Schwedisch, Französisch, Englisch und Deutsch) sowie eine gewissenhafte Parlamentsarbeit in Brüssel nachgesagt.

Kanervas Rauswurf hat Finnland nicht erschüttert, die Regierungskoalition ist nicht aus den Fugen geraten. Vielleicht, weil Sex- und Beziehungsskandale in der finnischen Politik nicht selten sind: Der jetzt Geschasste konnte seinen SMS-Daumen schon vor drei Jahren nicht halten und schickte an mehrere Models eindeutige Mitteilungen. Und Regierungschef Matti Vanhanen sorgte selbst für einen Skandal, als er nach diversen amourösen Abenteuern seiner letzten Flamme den Laufpass gab - per SMS.

Helmut Steuer berichtet für das Handelsblatt aus Skandinavien. Regelmäßig ist er auch in der Ukraine unterwegs.
Helmut Steuer
Handelsblatt / Korrespondent
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