Firmen müssen ihre Geschäftspläne neu schreiben
Knoten im Fernseh-Kabel

Die Erwartungen an das kupferne Fernsehkabel sind hoch: Es soll Digitalfernsehen übertragen, als schneller Internet-Zugang dienen und auch noch das Telefonieren möglich machen. Doch vorerst ist das Kabel nur eines: teuer. Und das bringt die Besitzer in arge Schwierigkeiten und lässt die Businesspläne zu Makulatur werden.

DÜSSELDORF. Die Sache stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Die "Bürgerinitiative gegen Kabelkommerz" protestierte lautstark gegen das teure Verlegen von Fernsehkabel quer durch Deutschland. Das Projekt des Bundespostministers schürte die Angst vor einem nicht sozialverträglichen Fernsehen im Land der drei Programme. "Lasst Euch nicht verkabeln" stand auf zahlreichen Häuserwänden.

Heute, 20 Jahre später, protestieren die Menschen wieder - dieses Mal leise, dafür aber wirkungsvoller. Sie verweigern sich schlicht der schönen neuen Entertainment-Welt, die das Kabel in die Wohnzimmer bringen soll. Und machen damit den Kabelfirmen, die im großen Stil in die alte Technik investiert haben, einen Strich durch die Rechnung.

Die Muttergesellschaft des nordrhein-westfälischen Kabelnetzbetreibers Ish, Callahan NRW, hat bereits Insolvenz angemeldet. Iesy in Hessen hat seine hochfliegenden Pläne arg zusammengestrichen. Kabel Baden-Württemberg, ebenfalls eine Callahan-Tochter, hat zunächst alles aufs Eis gelegt. Und die Deutsche Telekom, die große Teile ihres TV-Kabels noch verkaufen will, muss sich wohl dabei mit geringeren Summen als geplant zufrieden geben (siehe Kasten). Denn die Idee, das 20 Jahre alte Fernsehkabel in kurzer Zeit fürs Digital-TV, Telefonieren und Internet-Surfen aufzurüsten und damit viel Geld zu verdienen, gilt als gescheitert.

Und jetzt? Drei Dinge sind nach Ansicht von Branchenexperten nötig, um das Kabel nicht total abschreiben zu müssen.

Erstens: Die Kabelnetzbetreiber müssen stärker untereinander kooperieren. Das ist eine Forderung des Verbandes privater Kabelnetzbetreiber ANGA. Denn der deutsche Kabelmarkt ist reichlich kompliziert. Es gibt Hunderte von Unternehmen, Wohnungsgesellschaften und kleineren Kabelfirmen, denen die letzten Meter Strippe zwischen Grundstücksgrenze und Wohnzimmer gehören. Die größeren Unternehmen wie Ish oder eben die Telekom besitzen in der Regel nur die Infrastruktur bis zur Grundstücksgrenze. Diese weltweit einzigartige Struktur verdankt das Kabelnetz in Deutschland der CDU/FDP-Regierung der 80er Jahre, die das Netz zwischen Sender und Empfänger in vier Ebenen unterteilte. Um neue Dienste wie Internet anzubieten, müssen die verschiedenen Eigentümer miteinander verhandeln, kooperieren, sich gegenseitig ihre Infrastruktur abkaufen. Varianten gibt es viele. Doch ohne die Bereitschaft zur Zusammenarbeit werden die Unternehmen nicht weit kommen.

Zweitens: Die Kunden sind für neue Dienste über das Kabel wie Telefonie und schnelles Internet nicht über Nacht und nicht in Massen zu begeistern. Deshalb müssen die Investitionen in den dafür notwendigen Kabelausbau Schritt für Schritt erfolgen - zunächst nur da, wo es sich lohnt.

Drittens: Die Kabelfirmen müssen weiterhin vor allem ihre Cash-Cow Fernsehen ausbeuten und die Umsätze durch Pay-TV und Video-on-demand ankurbeln. TV-Programme sind das, was die Kunden in erster Linie wollen - am liebsten in guter Qualität. Und sie wollen eine große Auswahl, darunter auch Angebote, die spezielle Interessen wie beispielsweise Fremdsprachen berücksichtigen. Das ist das Ergebnis einer Studie der Beratungsgesellschaft Heitzig Consult.

Unternehmen wie die Robert Bosch GmbH, Telecolumbus oder Marienfeld Multimedia machen bereits heute einiges von dem vor, was Experten Ish & Co. auch für die Zukunft dringend raten. Die erfolgreichen Ish-Konkurrenten rüsten das Kabelnetz nur dort auf, wo sie die hohen Investitionen rechtfertigen können.

Denn der Ausbau des Kabelnetzes innerhalb eines Hauses, die so genannte Hausverteileranlage, kostet im Durchschnitt 230 Euro pro Wohnung, dazu kommen weitere Kosten für den Ausbau des Kabelnetzes bis zum Haus. Das kann einige Millionen schlucken.

Ish hat dagegen das Kabel in einigen Städten flächendeckend modernisiert - ohne die Nachfrage zu berücksichtigen. Zudem lief auch noch die Zeit gegen die deutsche Tochter des US-Investors Richard Callahan: Während Ish noch mit technischen Problemen kämpfte und das alte Kupferkabel durch Glasfaser ersetzte, brachte die Telekom schon schnelle Internet-Zugänge über die DSL-Technik unters Volk. Kein Wunder also, dass die Nachfrage nach dem Internet-Turbo via Kabel deutlich geringer ausfiel als erwartet.

Hinzu kommt: Ish hat nach Ansicht von Branchenexperten unterschätzt, wie wichtig die Kooperation mit den kleineren Firmen auf den letzten Metern Kabel bis zum Endkunden ist. Das Unternehmen hat bisher nur zu jedem dritten Haushalt, der an das Ish-Netz angeschlossen ist, direkten Zugang - eine wichtige Voraussetzung, um den Kunden neue Dienste zu verkaufen. Und auch die Technik fürs Telefonieren via Kabel, wie es dem Unternehmen vorschwebte (Voice over IP), ist noch nicht reif für den Massenmarkt. Sie hat sich bisher nur einigen Pilotprojekten bewährt.

Die Kabelnetze haben trotz aller Schwierigkeiten ihren Wert, argumentieren aber die Autoren der Heitzig-Branchenanalyse: "Das Fernsehkabelnetz bietet die Chance, eine multimediale Welt schneller und mit höherem Wert für größere Bevölkerungsschichten zu erschließen, als dies mit anderen Zugangssystemen erfolgen kann." Das TV-Kabel reicht schließlich bis in nahezu alle Wohnzimmer. Keiner muss heute noch mal Bagger ansetzen, wie es der Postminister vor 20 Jahren tat. Bis aus dem Kabel aber in ganz Deutschland eine Multimedia-Autobahn wird, werden noch Jahre vergehen.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%