Firmenkultur ist laut Studie wichtigster Faktor für Mitarbeiter-Zufriedenheit
E-Arbeiter: Glücklich im Stress

Elende Arbeitszeiten, miese Bezahlung und wenig Urlaub - trotzdem sind Deutschlands E-Arbeiter zufrieden.

DÜSSELDORF. Das Paradies für Arbeitnehmer liegt gleich neben dem Dauerstau. Südlich der A 40, im Gründerzentrum neben der Dortmunder Universität, beherbergt es ein Squash-Feld, eine Etage höher einen Fitnessraum - und ist vor allem die Zentrale der Comline AG.

Hier erhalten Sie alle Informationen zur Studie
Lesen Sie hier ausgewählte Kommentare der Studienteilnehmer

Der Software-Hersteller hält seine Angestellten nicht nur fit: Nach zwei Jahren bekommt jeder Mitarbeiter einen BMW als Dienstwagen, die Kosten für Kindergartenplätze werden übernommen, ebenso der Internet-Anschluss in der Wohnung. Folge: Comline wurde zusammen mit dem Computer-Riesen Hewlett-Packard vom Wirtschaftsmagazin "DM" zum attraktivsten Arbeitgeber Deutschlands gekürt.

Kein Wunder, dass Vorstandschef Roland Bracht keinen Mangel an Fachkräften hat: "Wir haben im expandierenden Personalmarkt Dortmund eine starke Stellung." Vor allem die gesuchten High Potentials, die Crème de la Crème aller Bewerber, ziehe es zu Comline. Innerhalb von nur vier Jahren wuchs die Firma von zehn auf mehr als 200 Mitarbeiter, 25 Mill. DM setzten die Ruhrgebietler im Jahr 2000 um.

Aber nicht überall ist Dortmund. Die Zeiten üppiger Zusatzleistungen sind vorbei, auch in der digitalen Wirtschaft. Hohe Arbeitsbelastung und wenig Urlaub prägen den Alltag in den E-Business-Abteilungen großer Unternehmen und auch bei Startups. Trotzdem herrscht weiter eine relativ hohe Zufriedenheit mit dem Job, ergab eine exklusive Studie der Unternehmensberatung Accenture und des EC-Lab der Universität Witten/Herdecke in Zusammenarbeit mit Netzwert. Mehr als 700 E-Business-Arbeiter beteiligten sich im Februar an der Online-Umfrage.

Voll durchgeschlagen hat anscheinend bereits der Sturz von Unternehmen der digitalen Wirtschaft an den Börsen und die Einsparungen angesichts eines drohenden Wirtschaftsabschwungs: "Die Jahresgehälter liegen tendenziell unter den Vergleichswerten aus der Old Economy", sagt E-Business-Professor Bernd Wirtz von der Universität Witten/Herdecke (siehe Grafik). Dementsprechend unzufrieden zeigten sich die Befragten mit ihrer Entlohnung: Nur 31 % sind zufrieden oder sehr zufrieden, 29 % dagegen unzufrieden oder sehr unzufrieden.

"Das liegt wohl am zunehmenden Anteil an variablen Gehaltskomponenten", folgert Wirtz. Rund 20 % der Gehälter der angestellten Mitarbeiter bestehen aus Aktienoptionen, Leistungsprämien oder Zielvereinbarungen. Doch mit dem Absturz der Technologiebörsen ist aus so manchem Options- Millionär ein schlecht bezahlter E-Arbeiter geworden.

Allerdings macht Geld allein nicht glücklich, wie die Accenture-EC-Lab- Studie zeigt. Mit wachsendem Einkommen steigt zwar die Zufriedenheit mit dem Arbeitgeber - aber nur langsam. Allein die Bereitschaft, den Job zu wechseln, nimmt spürbar ab.

Ähnlich verhält es sich mit langen Arbeitszeiten: Mit Tarifverträgen haben die E-Arbeiter nicht viel am Hut (siehe Grafik), zu stören scheint das die wenigsten. 37 % der Antwortgeber sind mit ihren Arbeitszeiten zufrieden oder sehr zufrieden. Auch fehlender Urlaub scheint kein Problem zu sein: Obwohl jeder Fünfte regelmäßig nicht seinen gesamten Urlaub nehmen kann, murrt kaum jemand auf. "Man will unbedingt etwas erreichen, man ist getrieben und will nicht der Erste sein, der das Licht ausmacht", erklärt Edgar Britschgi, Partner der Unternehmensberatung Accenture, die Akzeptanz der langen Arbeitszeiten.

Lange kann das nicht gut gehen, befürchtet er: "Man darf nicht übertreiben. Nach unserer Erfahrung kommt irgendwann der Einbruch. Es muss den Unternehmen gelingen, bei ihren Mitarbeitern eine Balance zwischen Privat- und Berufsleben zu schaffen." Dies könne beispielsweise durch die Chance zur Heimarbeit möglich werden. Das Herunterfahren der Arbeitszeit müsse aber durch die Vorgesetzten vorgelebt werden: "Manchmal muss der Chef einfach hingehen und sagen: Es ist sieben Uhr, jetzt ist Schluss, wir gehen gemeinsam was essen."

Das Problem: "Wirkliche Führungspersonen gibt es selten, denn oft sind die Chefs Garagen-Entrepreneure der ersten Stunde." So mancher sollte sich Hilfe holen, meint der Accenture-Partner, "zum Beispiel durch Beiräte, Paten oder Business Angels."

Schließlich ist es letztlich die Führungsetage, die über Glück oder Unglück der Mitarbeiter entscheidet. Denn offensichtlich sind die Beschäftigten der digitalen Wirtschaft auf der Suche nach der Identifikation mit dem Unternehmen. Die Firmenkultur nennen die Befragten der Studie als Nummer-eins-Faktor für die eigene Zufriedenheit, gefolgt von herausfordernden Aufgaben und immaterieller Anerkennung. Lob gibt es allerdings selten vom Chef: Immaterielle Anerkennung bekommen die Befragten vor allem durch Kollegen und Freunde und nicht durch ihren Arbeitgeber.

Junge Unternehmen haben es einfacher, wenn es um den wichtigen Faktor Kultur geht, sagt Britschgi. "Sie können ihre Haltung einfacher ändern." Doch heute hü, morgen hott - das könne auch nicht funktionieren: "Entscheidend ist, dass die Führungskräfte die Kultur wirklich leben und nicht nur in netten Powerpoint-Präsentationen behaupten." Zusatzleistungen wie bei der Dortmunder Comline AG können die Manifestation der Unternehmenskultur sein. Erleichtern sie das tägliche Leben, wie ein Hemdenbügelservice oder ein Fitnessstudio, "dann fallen sie auch ins Gewicht und steigern die Zufriedenheit", sagt Accenture-Partner Britschgi.

Und sie können sich sogar rechnen. Comline-Chef Bracht macht eine fast unglaubliche Rechnung auf: Comline spart Geld mit der Verwöhn-Orgie. 400 000 hat die Dortmunder das Glücklich-Mach-Paket im vergangenen Jahr gekostet. Der Lohn: eine Mitarbeiterfluktuation von weniger als 1 %. "Branchenüblich sind 12 bis 15 Prozent", erklärt Bracht. Er setzt für die Anwerbung und Einarbeitung eines neuen Mitarbeiters 25 000 an. Hätte Comline also genauso viele Wechsel gehabt wie die Konkurrenz, hätte dies 600 000 bis 700 000 gekostet. Allerdings: Nachmachen lohnt sich nicht für jeden. "Unsere Zusatzleistungen sind homogen mit der Mitarbeiterzahl gewachsen", erklärt Bracht. "Wollte das ein größeres Unternehmen nachmachen, wären allein die Initialkosten erheblich."

Thomas Knüwer
Thomas Knüwer
Handelsblatt / Reporter
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%