Firmenpleiten auf Rekordniveau
Kommentar: Recht auf Irrtum

Was unterscheidet 32 278 Firmen in Deutschland von Holzmann, der Maxhütte oder dem Ferienflieger LTU? Antwort: Sie haben keinen Retter in Gestalt von Bundeskanzler Gerhard Schröder oder der Ministerpräsidenten Edmund Stoiber und Wolfgang Clement gefunden.

32 278 Firmen mit zusammen mehr als 200 000 Beschäftigten sind im vergangenen Jahr in Deutschland mehr oder weniger unbeachtet Pleite gegangen. Das sind 14 Prozent mehr als im Jahr davor, aber immer noch weniger, als es dieses Jahr sein werden.

Denn viele Unternehmen bekommen die Auswirkungen der Rezession erst zeitversetzt zu spüren. Ihnen wird auf dem Weg zum konjunkturellen Aufschwung die Puste ausgehen. Üblicherweise erreicht die Pleitewelle unmittelbar vor Beginn der wirtschaftlichen Erholung - vermutlich also in den Sommermonaten - ihren Höhepunkt. Daher werden wir dieses Jahr also neue traurige Insolvenzrekorde erleben.

So trüb diese Bilanz aussieht und so ernst die Folgen der Pleitewelle für Eigentümer, Beschäftigte und Gläubiger sein mögen: Sie darf den Blick auf zwei wesentliche Punkte nicht verstellen. Erstens: Marktbereinigungen sind für die unmittelbar Betroffenen zwar schmerzlich, für die Volkswirtschaft aber auch bitter nötig. Es ist geradezu der Sinn konjunktureller Schwächephasen, dass so genannte Grenzanbieter ausscheiden und vorhandene Überkapazitäten auf diese Weise vom Markt verschwinden. Wer dies nicht akzeptiert, hat die Marktwirtschaft nicht verstanden.

Gerade der Fall Holzmann zeigt auf fast schon peinlich platte Art, dass politischer Wille zur dauerhaften Rettung eines Unternehmens nicht ausreicht. Wie im Lehrbuch griff denn auch der Frankfurter Baukonzern im Bemühen, wenigstens kurzfristig zu überleben, wie fast alle angeschlagenen Konzerne nach jedem Strohhalm. Die Dumpingpreise, mit denen die Baufirma versuchte, sich Aufträge zu sichern, verhinderten eine auskömmliche Kalkulation bei den gesünderen Konkurrenten. Wäre also Holzmann bereits vor zwei Jahren in den damals schon wohlverdienten Ruhestand gegangen, stünde die immer noch krisengeschüttelte Bauwirtschaft in Deutschland insgesamt heute deutlich besser da.

Zweitens:Wo keine Unternehmen gegründet werden, können auch keine Pleite gehen. Mit anderen Worten: Eine steigende Zahl der Firmeninsolvenzen ist nicht nur negativ zu sehen. Vielmehr verbergen sich dahinter eine steigende Zahl von Unternehmensgründungen und damit die Hoffnung auf eine sich verstärkende Gründerkultur in Deutschland. Diese oftmals jungen Unternehmer brauchen das Recht zu scheitern, ohne in Banken und Gesellschaft als Pleitier gebrandmarkt zu werden. Versuch und (Recht auf) Irrtum - das muss die Maxime auch in Deutschland sein. Das gilt natürlich nur für Gründer, die nicht - wie am Neuen Markt geschehen - Anleger in betrügerischer Absicht ausgenommen haben.

Die Konsequenz daraus für die Politik kann nur heißen: Wenn sie die Wirtschaft unterstützen will, dann bitte schön nicht in Gestalt von Erhaltungssubventionen an die Riesen von gestern, sondern durch Unterstützungprogramme für die Gründer von heute. Wenn Kanzler Schröder auch nur annähernd so überzeugend wie bei Holzmann bei den Banken um Kredite für Erfolg versprechende kleine und mittelständische Unternehmen werben würde, wäre schon viel gewonnen.

Ziel der Politik in Deutschland muss es sein, die Dynamik in der Wirtschaft zu fördern - und nicht, überkommene Strukturen zu erhalten. Wenn sie erfolgreich ist, wird die Zahl der Unternehmenspleiten in Deutschland weiter steigen - aber die Zahl der erfolgreichen Unternehmen auch. Auch daran sollte der Kanzler sich messen lassen.

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