Fisher Price
Besser das Smart-Cycle als gar kein Fahrrad

Das Smart-Cycle von Fisher Price, die Marke für Lern-und-Spiel-Systeme der US-amerikanischen Mattel Gruppe, wurde zum "Toy of the Year" gekürt. Aber ist die Mischung aus Heimtrainer, Videogame und Lernkurs wirklich das intelligentere Kinderrad?
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KÖLN. In einer idealen Welt hilft Design, Probleme zu lösen. Es analysiert den gesellschaftlichen Kontext, erkennt Bedürfnisse und Wünsche, konzipiert Lösungsansätze und setzt diese mit geeigneten Technologien und Materialien in verkäufliche Ware und Dienstleistungen um. Doch Design funktioniert auch andersrum: Es generiert Neues, das noch nicht da gewesene Wünsche und Sehnsüchte erweckt.

Die Bedeutung von Design als Erneuerungsprozess wurde früh erkannt: Bereits 1920 erklärte General Motors die technische Entwicklung des modernen Automobils für nahezu beendet und setzte ästhetische Veränderung, sprich Design, als unternehmensstrategisches Instrument konsistent ein. Den Konsumenten gefiel die Idee, anderen Herstellern in allen Branchen ebenfalls. Die Konsumgesellschaft ist nach dieser Strategie sprichwörtlich groß geworden.



Allerdings ist die Entwicklung außer Kontrolle geraten: Aus mehr ist zu viel, aus dynamisch ist zu schnell geworden. Design ist so zu einer Krankheit mutiert, vom Traum zum Alptraum. Dazu gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht. Die Schlechte lautet, dass es leider kein Zurück gibt, die Gute, dass es sehr wohl nach vorne gehen kann. Design wird von künstlerischer Leitung zum kreativen Komplexität-Management. Es kann einen Komplex herausfiltern, der die gesellschaftliche Entwicklung vorantreibt.

Ein Beispiel dafür ist das Smart Cycle von Fisher Price - ein Heimtrainer, Videogame und Lernkurs in einem lustigen Gerät, eine Art High-Tech-Heuschrecke. Allerdings: Muss die Kinderwelt immer derart geschmacklos-bunt-knuffig sein? Unabhängig davon: Die Idee ist genial. Allerdings ist das Bild des Kindes, das vor dem Fernsehen radelt, eher deprimierend. Keine Frage, schöner wäre es, Kinder würden wie früher frei durch die Straßen rasen, die wahre Welt erkunden, um dann entspannt, fit und wissenshungrig nach Hause zu Nesquik und Nutella zurückzukehren. Die meisten leben heute - ich vermute unfreiwillig - wie Häftlinge in abgeschlossenen Welten, durch Panzerung geschützt und permanent überwacht.

Trotzdem - oder gerade deswegen - leiden viele unter Konzentrationsstörung oder Neurodermitis, werden übergewichtig. Da wäre mehr Fahrradfahren auf der Wiese möglicherweise besser als stundenlanges Smart-Cycling von Fisher Price. Doch Smart-Cycling ist für Kinder besser als ein Fahrrad, das nicht benutzt werden darf, und für besorgte Eltern eine Convenient-Design-Lösung.

Paolo Tumminelli (paolo.t@goodbrands.de) ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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