FISHERS ZWISCHENRUF
Irrationale Investoren

Anders als bei einer Blase gibt es keine Bezeichnung für das Gegenteil. Jeder fürchtet Blasen. Leute definieren sie auf verschiedene Weisen, aber immer als etwas wie andauernde irrationale Euphorie und superhohe Preise, die anschließend abstürzen. Sogar der Otto-Normalverbraucher kennt und fürchtet Blasen.

Doch gibt es kein Wort für das Gegenteil einer Blase oder der Angst davor - der heutigen Situation von anhaltend irrationalem Trübsal und Pessimismus. Es ist auch nicht "Depression" - ein grundlegender Wirtschaftsbegriff. Wenn man Pessimismus während einer Blase sieht, gilt man als verrückt. Jetzt gilt man als verrückt, wenn man Optimismus diagnostiziert. Menschen können den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen und glauben, sie seien in einer Wüste! Der Fehler liegt darin, die nennen wir sie einfach mal "umgekehrte Blase" nicht zu erkennen. Ohne eine Bezeichnung dafür erkennen Anleger sie nicht. Echte Blasen sind ohnehin schwer zu sehen. Doch umgekehrte Blasen sind unsichtbar. Investoren erkennen die Irrationalität nicht.

Warum irrational? In dieser sich seitwärts bewegenden Weltwirtschaft mit großen Stärken und Schwächen, richten sich sämtliche Blicke zu sehr darauf, kleine Negativpunkte überzubetonen und das Positive zu ignorieren. Investoren sehen die Schwierigkeiten von Fannie Mae als riesig an. Doch finanziell gesehen entspricht das angeblich "schlimmste vorstellbare Problem" von Fannie in etwa der Größenordnung von dem, was Dow Chemical eben bezahlt hat, um das mittelgroße Unternehmen Rohm & Haas zu kaufen.

Als der relativ unbekannte US-Ökonom Kenneth Rogoth hochtrabend von sich gab, dass das Schlimmste noch bevorstehe, waren die deutschen Medien wie versteinert. Ich bin mir sicher, dass nur wenige Leser ihn vorher überhaupt kannten. Doch als die US-Wirtschaft die Erwartungen im zweiten Quartal übertraf während die Lagerbestände sich sogar reduzierten, wurde beides nicht wahrgenommen. Als die Lagerbestände dann im Juli wieder stiegen, war dies eine große Sache.

Wir werden dies durchstehen, und Aktien werden wieder steigen. Wann? Ich weiß es nicht. Aber bei einer umgekehrten Blase verhält es sich, wie Franklin Roosevelt einmal sagte: "Das Einzige, vor was man sich fürchten sollte, ist die Angst selbst".

gastautor@handelsblatt.com

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