Flächentarif im Konflikt mit der betrieblichen Realität
Die Belegschaft wird zum Tarifpartner

Das Tarifkartell aus Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden, so der verbreitete Befund, hat sich überlebt. Flächentarifverträge ignorierten die betriebliche Realität. Fest steht: Der Interessen- ausgleich auf Betriebsebene gewinnt an Bedeutung. In einer Folge vom Beiträgen zeichnet das Handelsblatt den Wandel nach.

HB DÜSSELDORF. Tarifvertrag? Gewerkschaft? Arbeitgeberverband? Peter Boltersdorf bedauert. Nein, damit könne man bei der Arxes AG wenig anfangen. "Die Situation ist bei uns einfach eine andere", erläutert der Leiter Human Resoucres bei dem Aachener IT-Dienstleister.

Boltersdorf schließt die 1 300 Beschäftigten ohne Einschränkung in seinen Befund mit ein. Das sei im Übrigen keine ideologische Frage. "Wenn sich die Beschäftigten eines Tages etwas von der Schutzfunktion eines Tarifvertrags versprechen, dann wird sich das eben ändern." Doch bisher gebe es schlichtweg keinen Gegensatz zwischen "Unternehmerseite" und "Belegschaft", den man durch einen Kollektivvertrag überbrücken müsse.



Desinteresse an der traditionellen Tarifpolitik

Die Unternehmen der viel zitierten New Economy und ihre Beschäftigten setzen die alten Institutionen der Tarifpolitik durch schieres Desinteresse unter Rechtfertigungsdruck. Die Zeit dramatischer Verhandlungsschlachten, in der charismatische Gewerkschaftsführer und Arbeitgeber mit ihren Verträgen die Arbeitswelt für Millionen Beschäftigte gestalten konnten, geht zu Ende. Immer häufiger fallen wichtige Entscheidungen auch über Lohn und Arbeitszeit direkt im Betrieb.

Das Desinteresse lässt sich in Zahlen fassen: Allein in den alten Ländern ist der Anteil der Betriebe, die an einen Branchentarifvertrag gebunden sind, seit 1995 von gut 53 % auf unter 48 % gesunken. Das weisen Daten des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) aus. In Ostdeutschland konnten die Tarifparteien ohnehin nie in der gewohnten Art Fuß fassen - dort lag der Anteil der tarifgebundenen Betriebe laut IAB im vergangenen Jahr bei 26 %.

Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände rechtfertigen sich freilich, die Zahlen seien zu negativ. Denn eine bedeutsame Zahl von Unternehmen gehöre zwar keinen Arbeitgeberverband an - doch in der Praxis würden sie die Vorgaben des jeweiligen Branchentarifvertrags durchaus beachten. Gut ein Viertel der Betriebe fällt laut IAB in diese Kategorie.

Das ändert freilich nichts am Befund: Auch wenn die tarifpolitische Fassade etwas anderes vorspiegeln will, verlagert sich die Tarifpolitik in die Betriebe. Und das nicht allein in jenen Internetfirmen, die sich von Verbänden jedweder Art fern halten. Auch in den traditionellen Hoheitsgebieten gewerkschaftlicher Vertretung spielt der direkte Interessenausgleiche zwischen Belegschaften und Unternehmensleitungen eine wachsende Rolle.

Mitte der 90er-Jahre waren es noch vor allem die Pakte zur Sicherung von Beschäftigung und Investitionen an inländischen Standorten der Industrie. Belegschaften zeigten sich - gegen den Willen der Gewerkschaften - bereit, Vereinbarungen über Abstriche bei Lohn und Arbeitszeit einzugehen, um nicht im Wettbewerb mit der neuen "Billiglohnkonkurrenz" aus Mittel- und Osteuropa zu unterliegen.



Prozessoptimierung und neue Betriebsabläufe

Die Vorzeichen haben sich geändert, doch der Trend hält an. Im Zeichen der Prozessoptimierung werden auch in Traditionsunternehmen Betriebsabläufe umgekrempelt und flexibilisiert. Beschäftigte tauschen die Rolle von Befehlsempfängern gegen die von Mitunternehmern ein, lassen sich dafür mit Erfolgs- und Leitungsprämien entlohnen. Personalchefs, Abteilungs- und Teamleiter wollen flexibel über ihr Personal verfügen. Statt Anwesenheit rückt bei der Bezahlung das Arbeitsergebnis in den Mittelpunkt.

Das birgt neuen Zündstoff im das Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Betriebsräten "Es ist unausweichlich, dass den Betriebsräten unter diesen Bedingungen eine neue Verantwortung zukommt", analysiert Wolfgang Schröder, langjähriger Siemens-Betriebsrat und Fachmann für Systeme variabler Entlohnung. Denn die Kriterien, nach denen sich die auf Leistung und Erfolg bezogenen Entgeltkomponenten bemessen sollen, lassen nur auf Betriebsebene bestimmen. Die klassischen Werkzeuge des Flächentarifs - Regeln zur Wochenarbeitszeit sowie Vorgaben für eine von Arbeitszeit, Bildungsniveau und Dienstalter abhängige Entlohnung - passen dazu nicht mehr.

Der Tarifvertrag als Dienstleistungsprodukt - das Problem ist auch den Tarifpartnern vertraut. Zumindest mittelfristig wollen sie den Weg einer "kontrollierten Dezentralisierung" des Flächentarifs gehen. Will heißen: Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände schließen Kollektivverträge über weit gesteckte Rahmenbedingungen, die Betriebsparteien füllen die Regeln nach ihren Bedürfnissen aus.

Im Bündnis für Arbeit haben es die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) und der Deutsche Gewerkschaftsbund am 6. Juli 1999 etwas kompliziert formuliert: "Um betriebs- und praxisnahe Regelungen von Flächentarifverträgen zu stärken, sollen tarifliche Wahl- und Ergänzungsmöglichkeiten, tarifvertragliche Korridore und Öffnungsklauseln erweitert werden." BDA-Tarifexperte Stefan Küpper, beschreibt die Aufgabe so: "Um mehr Betriebe zu gewinnen, müssen wir den Tarifvertrag als Dienstleistungsprodukt positionieren." Bis sich auch Firmen wie Arxes davon überzeugen lassen, ist es frelich noch ein weiter Weg.



Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent
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