Flausen unternehmungslustiger Witzbolde
15 Sekunden Ecki-Ecki-Ecki

Sollte sich vor ihnen eine Gruppe von Menschen ausgesprochen seltsam benehmen, wundern Sie sich nicht: Das Flash-Mobbing kommt nach Deutschland - der organisierte Massenwahnsinn.

Alles scheint normal in der Hitze des Kölner Nachmittags. Japanische Touristen knipsen den Dom, hinter ihnen brütet ein Pflastermaler in gleißender Sonne über einer Albrecht-Dürer-Kopie. Skateboarder rollen vorbei, um einen britischen Jugendchor bildet sich eine Gruppe interessiert Lauschender. Alles ruhig. Alles friedlich.

Noch.

Denn wie über ein telepathisches Kommando reißen 40 der vermeintlichen Zuhörer die Arme in die Höhe, drehen sich im Kreis und rufen laut: "Ecki, Ecki, Ecki!" 15 Sekunden lang. Dann gehen sie auseinander, als sei nichts gewesen. Zurück bleiben ein verdatterter Chor, ratlose Passanten und TV-Teams, die Wind von diesem organisierten Unsinn bekommen haben.

Sie alle sind Zeuge eines so genannten Flash Mobs geworden: Menschenmengen, die sich via Internet, Telefon und Handzettel zusammenrotten, um sich kurzzeitig ausgesprochen seltsam zu benehmen und dann schnell zu verschwinden. Hinter dem Blitzversammlungskonzept stecken weder ausgeklügelte Marketingstrategien noch politischer Protest oder gar künstlerischer Anspruch - allein die Flausen unternehmungslustiger Witzbolde.

Der Flash-Mob-Trend kommt - erhitzte Kulturkritiker, die ohnehin unsere Gesellschaft für durchgeknallt halten, denken es sich schon - aus den USA. In New York gibt es die dadaistischen Demonstrationen schon seit zwei Monaten: Hier trafen sich die Flash Mobber in vier Cafés in Manhattan, wo Handzettel auf sie warteten. Den Regieanweisungen gemäß versammelte sich die Meute in der Teppichabteilung des Kaufhauses Macy?s und erwiderte auf Nachfrage, man suche gemeinsam einen "Liebesteppich" für die Wohngemeinschaft aus. Im Luxushotel Hyatt in Manhattan stürmten Hunderte die Galerie des Foyers, starrten wie gebannt auf den Eingang und begannen ohne erkennbaren Anlass, laut zu johlen und zu klatschen.

Ende Juli ist das urbane Gesellschaftsspiel nach Europa herübergeschwappt. Aufgabe in Wien: "Begib dich zur Mariahilfer Straße 49, betrete um exakt 15.45 Uhr das Geschäft GIL, rufe einen Freund an und erzähle diesem, dass du noch schnell einkaufen gehst, weil du dann zum Flughafen musst." Flash Mobs gab es inzwischen auch in Deutschland, zum Beispiel in Berlin, München und am vergangenen Freitag in Köln.

In den Diskussionsforen im Internet beschwören die Flash Mobber den subversiven Geist ihrer Zusammenkünfte, ärgern sich über Medieninteresse und empfehlen, Journalisten keine Auskünfte zu geben. So reagiert Flash Mobber Michael Daun auch unwirsch auf die Frage, warum er sich gerade so begeistert vor dem Dom im Kreis gedreht habe: "Darauf soll sich jeder seinen eigenen Reim machen." Für den Kölner, der sich als Eventmanager schon von Berufs wegen für das Phänomen Flash Mob interessiert, liegt die Faszination in der verstörenden Wirkung: "Ein Flash Mob hinterlässt ein Fragezeichen in den Köpfen. Das ist doch schon einmal etwas."

Vielleicht steckt mehr Potenzial in den Massenverabredungen als die Freude an öffentlicher Verwirrung. Schließlich ging es bei den ersten Handy-Telefonaten vor zehn Jahren auch nur darum, sich gegenseitig zu versichern, dass man sich tatsächlich klar und deutlich hört.

Auf der Suche nach einem tieferen Sinn des organisierten Unsinns wird in Flash-Mob-Foren im Netz gern der US-Internetvisionär Howard Rheingold bemüht. Seit 20 Jahren predigt der Medientheoretiker den humanistischen Fortschritt durch Kommunikationstechnologien. In seinem Buch "Smart Mobs: The Next Social Revolution" spricht er von "intelligenten Massen", die sich neuer Medien bedienen, um sich kurzzeitig für ein gemeinsames Anliegen zusammenzufinden.

Auch Christoph Bieber, Politikwissenschaftler am Zentrum für Medien und Interaktivität der Uni Gießen, kann sich vorstellen, dass Flash Mobs als Plattform für politischen Protest taugen. "Allein die Wahl des Orts kann Botschaften transportieren: So würde ein Flash Mob vor dem Kanzleramt über reinen Blödsinn hinausgehen." Tatsächlich tauchen im Internet immer häufiger Vorschläge auf, Flash Mobs konsumkritisch vor Filialen von Fast-Food- Ketten oder Tabakkonzernen zu veranstalten.

Bislang aber sind die albernen Massenstreiche in erster Linie ein Spaßphänomen. Auch Politologe Bieber räumt ein: "Es ist Sommer. Es ist heiß. Vielleicht schlagen den Leuten auch einfach nur die Temperaturen aufs Gemüt."

Quelle: Handelsblatt

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