Flaute der Weltwirtschaft wirbelt Konzerne durcheinander
Von Buckeln und Blattschüssen

Die globale Flaute setzt Frankreichs Wirtschaft ebenso zu wie der deutschen - und die Skandale sind jenen in den USA ebenbürtig.

HB PARIS. Immer wieder Entlassungen und kein Quartal ohne neue Abschreibungen: Frankreichs Telefonnetzausrüster Alcatel ist ein Paradebeispiel für den Versuch, sich gesund schrumpfen zu wollen. Konzern-Chef Serge Tchuruk will die Gewinnschwelle des Unternehmens schneller drücken, als dieses an Umsatz verliert. Ob Tchuruk das Rennen gegen den globalen Kollaps der Kommunikationsmärkte gewinnt?

Der weltgrößte Reifenhersteller Michelin steigert seinen Halbjahresgewinn dank Stellenstreichungen und Lagerabbau operativ um 16 %. Gleichzeitig setzt er aber wegen der Autokrise kaum mehr um als ein Jahr zuvor. Die Pariser Börse jubelt, ausländische Investoren runzeln die Stirn.

In den Umfragen des Statistikinstituts Insee über das Industrieklima senken die Unternehmer die Daumen. Die Auftragseingänge der französischen Konzerne flauen ab - der starke Euro bereitet ihnen im Ausland Probleme, die schwache Binnennachfrage daheim. Wie die Wirtschaft unter diesen Bedingungen jene 3 % Wachstum schaffen will, die der vom Stahlriesen Arcelor in die Politik geholte Wirtschafts- und Finanzminister Francis Mer braucht, um den EU-Stabilitätspakt nicht zum sprengen, weiß niemand.

"Wir werden sicher wieder mehr Wachstum haben", sagt ein Vorstand der Bank BNP Paribas. "Aber auf 3 Prozent würde ich mich nicht festlegen." Und auch Renault-Boss Louis Schweitzer, Anhänger der vom Wachstum verwöhnten, im Frühjahr aber abgewählten Linksregierung, bleibt bei der Prognose von 2,7 % bis 2,8 % unter der Wunschziffer des Ministers.

Halbjahresgewinne sind vorzeigbar

Tatsächlich sieht es bei vielen französischen Konzernen gar nicht so schlecht aus: Ihre Halbjahresgewinne sind vorzeigbar. So macht der Kosmetikriese L'Oréal seine Tuben und Tiegel zu Gold. Und auch beim Luxuskonzern LVMH steigen die Erträge wieder, wenngleich sie niedriger ausfallen als in fetten Jahren.

Die Argentinienkrise hat die dort engagierten französischen Konzerne weniger getroffen, als es die Finanzmärkte befürchtet hatten. Handelsketten wie Carrefour, Versorger wie Suez, sowie die beiden Autohersteller Peugeot und Renault machten den Buckel rund und sitzen das Unwetter aus.

Doch der Argentinien-Kollaps hat den Glauben der Franzosen erschüttert, durch eine forcierte Expansion in Schwellenländer könne sie heimische Risiken locker kompensieren. Frankreichs Wirtschaft, die sich mit leichter Hand überall auf dem Globus niederließ, erweist sich global als ähnlich verwundbar wie die stark exportorientierte deutsche Konkurrenz.

Konzerne holen ausländisches Geld ins Land

Auch bei ihrem Kapital haben Frankreichs große Unternehmen ihren Konkurrenten auf dem Kontinent eine lange Nase gedreht: Stärker als anderswo holte man ausländisches Geld ins Land. Die im Cac 40, dem inzwischen fast bis auf 3 000 Punkte gefallenen Leitindex der Pariser Börse, versammelten börsennotierte Gesellschaften sind im Durchschnitt knapp zur Hälfte in der Hand angelsächsischer Investoren. Daher lastet auf Frankreichs Konzernlenkern der Druck, ihre Unternehmen ähnlich hart am Wind der Börsentrends zu segeln, wie dies in den USA üblich ist.

So haben sie ihre Schulden in den fetten Börsenjahren bei niedrigen Zinsen gezielt hochgefahren, um die Eigenkapitalrendite nach oben zu hebeln. Eine bilanzielle Verschuldung bis zum Doppelten der Eigenmittel und die forcierte Emission von Anleihen war salonfähig. Mit dem Absturz der Kurse und damit der Entwertung der Eigenmittel tappt jetzt ein Konzern nach dem anderen in die Schuldenfalle.

Die halbstaatliche France Télécom gilt dem Chef der Großbank Société Générale, Daniel Bouton, nur deswegen nicht als Kreditrisiko, weil "noch nie ein souveräner Staat ein von ihm getragenes Unternehmen hat fallen lassen." Dagegen brach die auf Pump finanzierte Ergänzung des Wasserversorgers Vivendi um eine heute gleich große Telefon- und Mediensparte seinem Boss Jean-Marie Messier das Genick.

Messier bescherte Frankreich zudem eine Seifenoper, mit denen er alle Chancen am Broadway gehabt hätte: Seit Ende vergangenen Jahres reißen die Gerüchte um Liquiditätsengpässe bei dem Konzern nicht ab. Messier konterte sie mit Erklärungen, die sich oft im Stundentakt widersprachen. Immer wieder besserte er die Konzernkasse mit Notverkäufen auf. Eine Hauptversammlung wollte er wiederholen lassen, er witterte Verschwörung. Zugleich wollte er die Dividendenzahlung aufschieben - ein Schelm, wer Böses dabei dachte.

Im Frühjahr hatte die Londoner Filiale der Bank Crédit Lyonnais erstmals von einem Kursmalus namens Messier bei Vivendi gesprochen. Eine Kampagne gegen Messier, bei der neben interessierten Aktionäre auch britische Medien eher Akteure als Beobachter waren, setzte Frankreichs Politik und Finanzwelt unter Druck. Claude Bébéar, Ex-Boss des Versicherers Axa, ohne Amt und Aktien bei Vivendi, doch passionierter Großwildjäger, gab Messier schließlich mit einem geschickt eingefädelten Komplott den Blattschuss.

Weitere Folgen der Vorabendserie am Fuße des Eiffelturms laufen gerade an. So winkt dem hoch verschuldeten Handelshaus Pinault Printemps Redoute Ärger wegen der Verbuchung von Optionen der Beteiligung Gucci. Und der nicht eben ertragsverwöhnte Baustoffkonzern Saint Gobain kämpft gegen milliardenschwere Forderungen in Sachen Asbest ums Überleben.

Nach dem Strickmuster "Allein gegen die Mafia" setzt der tapfere Schneider-Electric-Chef Henri Lachmann den Kampf gegen EU-Wettbewerbskommissar Mario Monti fort: Er hofft auf ein Urteil des EU-Gerichtshofs im Oktober, dass beim Verbot der Fusion von Schneider und Legrand nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sei. Falls Schneider damit durchkommen sollte, wäre den Franzosen Aufmerksamkeit gewiss - die bange Frage nach dem Wachstum würde wohl erst einmal zurück gestellt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%